{"id":410,"date":"2020-03-27T16:45:29","date_gmt":"2020-03-27T15:45:29","guid":{"rendered":"http:\/\/alefbet.z-g-a.de\/?p=410"},"modified":"2021-06-06T15:12:20","modified_gmt":"2021-06-06T13:12:20","slug":"ueber-die-bedeutung-des-ausdrucks-unser-naechster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alefbet.de\/?p=410","title":{"rendered":"\u00dcber die Bedeutung des Ausdrucks: Unser N\u00e4chster"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1. In Hinsicht auf die Vorschriften der Tora, welche unser Verhalten gegen unsere Mitmenschen betreffen, haben wir unter dem Ausdruck &#8222;unser N\u00e4chster&#8220;&nbsp; oder &#8222;unser Nebenmensch&#8220; alle Menschen ohne Unterschied der Rasse, des Volkes, des Standes und des Glaubens zu verstehen. Der Geringste in der menschlichen Gesellschaft, der niedrigste Verbrecher, der roheste Wilde; er ist unser N\u00e4chster, unser Nebenmensch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2. Da Gegner Israels und der Tora diesem Satz, welcher die Grund\u00adlage f\u00fcr alle Vorschriften dieser Abteilung bildet, zuweilen widersprochen haben, so ist es notwendig, dass wir uns einige von den vielen Beweisen einpr\u00e4gen, welche aus der Tora selbst f\u00fcr diesen Grundsatz erbracht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">a. Die Tora lehrt uns: Gott ist allen g\u00fctig, seine Barmherzigkeit umfa\u00dft alle seine Gesch\u00f6pfe; er l\u00e4\u00dft auch dem S\u00fcnder seine Gnade zuteil werden, und erh\u00f6rt den nach Brot schreienden Raben. Wie k\u00f6nnte er, der uns gebietet, in seinen Wegen zu wandeln, wollen, dass wir gegen irgend eines seiner Gesch\u00f6pfe etwas unternehmen, was er selbst diesem Gesch\u00f6pf nicht tun w\u00fcrden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">b. Die Tora lehrt uns: Der Mensch ist im Ebenbilde Gottes geschaffen. Wie k\u00f6nnte dieselbe Tora gestatten, dass wir einen Unterschied machen zwischen Menschen und Menschen; wir w\u00fcrden ja in jedem, den wir um das geringste zur\u00fccksetzen, Gott selbst, in dessen Ebenbild er geschaffen ist, verachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">c. Die Tora lehrt uns, dass alle Menschen von einem von Gott geschaffenen Elternpaar abstammen, als Br\u00fcder und Kinder eines Vaters, Gottes, sind. Jeder Vater will, dass seine Kinder sich gegenseitig lieben, und ist betr\u00fcbt, wenn sie lieblos und unge\u00adrecht zueinander sind. Darum betr\u00fcben wir Gott, unseren liebevol\u00adlen Vater, wenn wir gegen irgend einen Menschen uns lieblos oder ungerecht verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">d. Bei dem Grundgebot, welches uns die Tora in bezug auf unsere Nebenmenschen erteilt (3. Mos. 19,18) und bei vielen einzelnen \u00e4hnlichen Geboten wird ausdr\u00fccklich beigef\u00fcgt: &#8222;Ich bin Gott&#8220;, um uns anzudeuten, dass wir diese Gebote nicht blo\u00df um unseres Neben\u00admenschen, sondern auch um Gottes willen befolgen m\u00fcssen, gleich\u00adviel welcher Mensch immerhin es sei. (3. Mos. 19, 10.14.16.18.32.34.36.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">e. Dieses Grundgebot wird (3. Mos. 19,34) in bezug auf den Fremdling noch einmal mit dem Zusatz eingesch\u00e4rft: &#8222;Ihr seid selbst Fremdlinge gewesen im Lande \u00c4gypten&#8220;. Daraus lernen wir, dass wir selbst Menschen, die uns wie die \u00c4gypter gegen\u00fcberstehen, andern Volkes, andern Glaubens, feindselige Unterdr\u00fccker und W\u00fcrger unschuldiger Kinder, genau so behandeln m\u00fcssen, wie jeden anderen Menschen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">f. Die Tora lehrt uns, dass durch Israel alle V\u00f6lker der Erde gesegnet, d.h. zur Anerkennung und Verehrung Gottes gef\u00fchrt werden sollen. Die Propheten weissagen als h\u00f6chsts Ziel, das die Menschheit erreichen soll, einen ungest\u00f6rten Frieden unter allen Menschen. Die Tora w\u00fcrde demnach sich selbst und diesen Weissa\u00adgungen widersprechen, wenn sie gestattete, dass wir durch Lieblo\u00adsigkeit oder Ungerechtigkeit diesem erhabenen Ziel Hindernisse in den Weg legen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">g. Die Erz\u00e4hlungen der Tora und der Propheten, welche uns als warnende und ermunternde Beispiele dienen sollen, zeigen uns an vielen Stellen, wie die gr\u00f6\u00dften M\u00e4nner der j\u00fcdischen Vergangen\u00adheit liebevoll und gerecht gegen die Angeh\u00f6rigen anderer V\u00f6lker, selbst gegen Heiden gehandelt haben. Abraham, unser Stammvater, rettet uneigenn\u00fctzig den K\u00f6nig von Sedom, betet f\u00fcr diese s\u00fcnd\u00adhafte Stadt, bewirtet unaufgefordert unbekannte Fremdlinge (1.Mos. 14 und 18). Moses, unser Lehrer, besch\u00fctzt ihm ganz unbe\u00adkannte Hirtinnen gegen die Roheit ihrer Stammgenossen (2. Mos. 2, 16\u201121). Josua erf\u00fcllt seinen heidnischen Feinden einen durch Betrug ihm abgelockten Eid (Jos.9). Salomo betet bei der Einwei\u00adhung des Tempels f\u00fcr die Heiden (1. K\u00f6n. 8, 41\u201144). Wie wir aus einer Stelle (1. K\u00f6n. 20,31) ersehen, war die Liebe des israelitschen Volkes gegen seine heidnischen Nachbarn allgemein bei diesen bekannt und ger\u00fchmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">h. Auch der Talmud best\u00e4tigt, dass sowohl das Grundgebot als alle \u00fcbrigen Vorschriften, welche uns die Tora in bezug auf unsere Nebenmenschen erteilte, sich auf alle Menschen ohne Unterschied beziehen. R. Akiba lehrt: Wir m\u00fcssen jeden Menschen lieben, weil jeder im Ebenbilde Gottes geschaffen ist. Ferner lehrt derselbe: Die Torastelle: &#8222;Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst&#8220; (3. Mos. 19,18), ist ein Hauptgrundsatz der Tora. Ben\u2011Assai aber lehrt: Die Torastelle: &#8222;Dieses ist das Buch von der Nachkommenschaft Adams&#8220; (1. Mos. 5,1), ist ein Hauptgrundsatz der Tora. Ben\u2011Assai will uns lehren, dass der Satz; &#8222;Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst&#8220;, erst dann seine wahre und volle Bedeutung erh\u00e4lt, wenn wir ihm auf alle Nachkommen Adams beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">i. Als ganz besonders wichtig ist zu beachten, dass der Talmud die ewige Seligkeit, d.h. den von allen Menschen erhofften Heilszu\u00adstand der Seele nach dem Tode des Leibes, den Fraommen aller V\u00f6lker und Nationen zuerkennt. Um zu den Frommen gez\u00e4hlt zu wrden, wird aber nicht gefordert, dass sie alle Vorschriften der Tora, sondern nur die sieben Adam und Noach erteilten (noachidi\u00adschen) Gesetze befolgen. Diese verbieten: 1. G\u00f6tzendienst, 2. Gottesl\u00e4sterung, 3. Unzucht, 4. Mord, 5. rechtwidrige Aneignung fremden Besitztums, 6. den Genu\u00df von Fleisch, welches einem lebenden Tier vom Leibe geschnitten wurde; ausserdem enthalten sie das Gebot: 7. die V\u00f6lker sollen eine je ihren Verh\u00e4ltnissen entsprechende Rechtspflege einf\u00fchren und handhaben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">k. Da nun die s\u00e4mlichen V\u00f6lker, unter welchen Israel zerstreut ist, nicht nur diese Gesetze in ihre Sitten und Gesetzgebung aufgenommen haben, sondern auch die ganze Tora als von Gott geoffenbarte Wahrheit anerkennen&nbsp; und ihre Vorschriften \u00fcber Sittlichkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit beobachten, so m\u00fcssen wir nach dem Talmud dieselben als fromme und zur ewigen Seligkeit berufene Menschen hochachten. Wie sollte da jemand behaupten k\u00f6nnen, die Tora mache einen Unterschied zwischen Menschen und Menschen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">3. Aus diesen Gr\u00fcnden, denen noch viele beigef\u00fcgt werden k\u00f6nnten, folgt, dass alle nachfolgenden Vorschriften der Tora \u00fcber Liebe, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gegen unsere Nebenmenschen sich auf alle Menschen ohne irgend welchen Unter\u00adschied beziehen; und wenn die Tora (5. Mos. 23,8) uns verbietet, einen \u00c4gypter geringzusch\u00e4tzen, weil wir das Gastrecht in seinem Lande genossen haben: wie sollten wir uns eine Lieblosigkeit oder Ungerechtigkeit erlauben d\u00fcrfen gegen die V\u00f6lker, in deren L\u00e4n\u00addern wir seit Jahrtausenden leben und Schutz, ja gleiches Recht mit den \u00fcbrigen Einwohnern genie\u00dfen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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