{"id":596,"date":"2021-06-06T18:10:14","date_gmt":"2021-06-06T16:10:14","guid":{"rendered":"http:\/\/alefbet.z-g-a.de\/?p=596"},"modified":"2021-06-06T19:05:28","modified_gmt":"2021-06-06T17:05:28","slug":"niddah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alefbet.de\/?p=596","title":{"rendered":"Niddah"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><strong>von Andrea Gropp<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Westf\u00e4lische Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster<br>Katholisch-Theologische Fakult\u00e4t<br>SS 2007<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Hauptseminar: Rein und unrein. Zur Welt des dritten Buches der Tora (Levitikus)<br>Dozentin: Prof. Dr. Marie-Theresia Wacker<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vorliegende Arbeit besch\u00e4ftigt sich mit der frauenspezifischen Unreinheit im Judentum, das hei\u00dft mit dem durch die Menstruation verursachten Zustand der niddah. Auch nach einer Geburt oder bei gewissen Krankheiten gilt der niddah-Status, doch soll das Hauptaugenmerk nicht auf diesen Formen liegen, sondern die durch Menstruation verursachte Unreinheit im Fokus dieser Arbeit stehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Historische Herkunft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Idee von der Unreinheit einer menstruierenden Frau findet sich im Buch Levitikus; interessanterweise gibt es offenbar zwei unterschiedliche Konzeptionen, dieser Unreinheit und des Umgangs mit ihr:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Lev 15, 19-30 beschreibt die von der niddah ausgehende und auf Menschen und Gegenst\u00e4nde \u00fcbertragbare Unreinheit; bei Menschen, welche die Frau oder von ihr verunreinigte Gegenst\u00e4nde ber\u00fchren, w\u00e4hrt die Unreinheit bis zum Abend; M\u00e4nner, die mit ihr schlafen, werden f\u00fcr sieben Tage unrein. Prinzipiell ist dies jedoch nicht verboten oder mit irgendwelchen Sanktionen verbunden.<\/li><li>Lev 18,19 dagegen ist Teil einer Aufz\u00e4hlung verbotener Sexualkontakte und untersagt den Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden Frau; dies wird gesteigert in Lev 20,18, wo n\u00e4mlich sowohl der niddah als auch dem mit ihr verkehrendem Mann die Ausrottung aus der Mitte des Volkes angedroht wird; dies sind \u00e4hnliche Sanktionen wie sie f\u00fcr Ehebruch und Inzest gelten und stehen in krassem Gegensatz zu der sieben Tage w\u00e4hrenden Unreinheit aus Lev 15!<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da es sich bei dieser Arbeit nicht um eine Exegese handelt, soll nun nicht n\u00e4her auf textkritische Erkl\u00e4rungen f\u00fcr diesen scheinbaren Widerspruch eingegangen werden; festzuhalten ist aber, dass die niddah-Regeln auf zwei unterschiedlichen Kontexten fu\u00dfen: (kultische) Reinheit\/Unreinheit einerseits und Sexualgesetze andererseits.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Laut biblischem Befund war eine Waschung f\u00fcr die niddah nicht obligatorisch; ihre Unreinheit verschwand nach sieben Tagen von allein (Lev 15,28), allerdings sollte sie dem Priester am achten Tage zwei V\u00f6gel zur Opferung bringen, auf dass dieser ihre Unreinheit f\u00fcr sie s\u00fchne (Lev 15,29f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst in rabbinischer Zeit wurden die biblischen Gesetze ausgearbeitet, indem der mikweh-Besuch am Ende der niddah (m\u00f6glicherweise in Anlehnung an z.B. Lev 15,5), aber auch die sogenannten \u201ewei\u00dfen Tage&#8220; eingef\u00fchrt wurden; dabei handelt es sich um die sieben Tage, die sich an die (meist) f\u00fcnft\u00e4gige Dauer der Periode anschlie\u00dfen und an denen im Idealfall kein Blut mehr flie\u00dft, an denen die Frau aber \u2013 sozusagen als Vorsichtsma\u00dfnahme \u2013 dennoch als unrein gilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verschriftlicht wurden diese Ausarbeitungen in der Mischna und in beiden Talmudim. Die Versch\u00e4rfung dieser Gesetze hatte notwendigerweise den Bau von mikwaoth zur Folge; die erste bekannte mikweh befindet sich im Hasmon\u00e4ischen Palast in Jericho und stammt aus dem 2. Jh. v. u. Z..<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vorbemerkung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwecks besserer Lesbarkeit habe ich keinen hebr\u00e4ischen Schriftsatz verwandt, sondern die die dieser Sprache entstammenden Begriffe \u2013 sofern nicht im Deutschen ebenfalls gebr\u00e4uchlich wie z.B. Tora \u2013 durchgehend klein und kursiv ausgeschrieben<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Vorgehensweise<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vorliegende Arbeit besch\u00e4ftigt sich mit der frauenspezifischen Unreinheit im Judentum, das hei\u00dft mit dem durch die Menstruation verursachten Zustand der niddah. Auch nach einer Geburt oder bei gewissen Krankheiten gilt der niddah-Status, doch soll das Hauptaugenmerk nicht auf diesen Formen liegen, sondern die durch Menstruation verursachte Unreinheit im Fokus dieser Arbeit stehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der notwendig erscheinenden Kl\u00e4rung der diese Thematik betreffenden Begrifflichkeiten soll ein \u00dcberblick \u00fcber den historischen Ursprung dieser Idee und der damit zusammenh\u00e4ngenden Br\u00e4uche gegeben werden; daran anschlie\u00dfend wird der Umgang mit niddah und mikweh im heutigen Judentum beispielhaft beschreiben. Im Anschluss daran soll das Thema in seinem Kern, n\u00e4mlich seiner Bedeutung, betrachtet werden; dazu wurde eine qualitative und explorative Befragung von sechs Frauen durchgef\u00fchrt und ihre Aussagen entsprechend ausgewertet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Fazit wird die Arbeit zusammenfassen und abschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mikweh<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als mikweh (\u201eWassersammlung&#8220;) wird das zur rituellen Reinigung genutzte Wasserbassin bezeichnet. Urspr\u00fcnglich hatte die Errichtung eines solchen Tauchbades sogar Vorrang vor der Errichtung einer Synagoge. F\u00fcr eine solche Anlage gelten besondere Regeln: bei dem hier zur Verwendung kommenden Wasser mu\u00df es sich um sogenanntes majim chajim, also flie\u00dfendes Wasser handeln. Dieses mu\u00df aus nat\u00fcrlichen Quellen (z.B. Fluss-, Regen- oder Meerwasser) stammen, und darf nicht gepumpt oder gesch\u00f6pft worden sein. Die zum korrekten Vollzug der tewilah (Untertauchen) ben\u00f6tigte Wassermenge betr\u00e4gt mindestens 800 Liter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit nicht f\u00fcr jedermann direkt erkennbar ist, wer die mikweh wann besucht, ist sie &#8211; sofern m\u00f6glich &#8211; in einem unscheinbaren Geb\u00e4ude untergebracht. Tats\u00e4chlich gehen auch nicht nur Frauen in die mikweh, sondern alle Menschen, die zum Judentum konvertieren wollen, aber auch einige M\u00e4nner vor Schabbatbeginn oder vor hohen Festtagen; dies ist nicht von der Halacha vorgeschrieben, wird jedoch zum Teil als Brauch praktiziert. Auch Tora-Schreiber gehen vor Beginn ihrer Arbeit in die mikweh, und Geschirr wird hier gekaschert, doch dies sei nur am Rande bemerkt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Niddah<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff niddah bezeichnet die Gesetze, welche sich in der Regel auf eine menstruierende oder eine k\u00fcrzlich entbunden habende Frau beziehen, den damit einhergehenden Status der \u201eUnber\u00fchrbarkeit&#8220;, die Zeit, in der dieser Status gilt sowie die sich in diesem Zustand befindende Frau selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Etymologie des Wortes ist nicht ganz klar; die Wurzel lautet vermutlich entweder ndd (fliehen) oder ndh (verjagen). Da sich eine tats\u00e4chliche soziale Ausgrenzung der Frauen nicht nachweisen l\u00e4sst (wie es die Worte nahelegen k\u00f6nnten), bezieht sich der Ausdruck m\u00f6glicherweise nicht auf die Frau, sondern eher auf das vergossene Blut. Eine gewisse Separation oder zumindest \u201eSonderstellung&#8220; der Betroffenen aber schwingt dennoch in dem Ausdruck niddah mit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tahara und Tumah<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff tahara wird gemeinhin mit \u201eReinheit&#8220;, tumah in der Regel mit \u201eUnreinheit&#8220; \u00fcbersetzt. Dies ist zwar nicht falsch, kann im Deutschen allerdings leicht missverstanden werden, da beide Ausdr\u00fccke hier mit hygienischen Vorstellungen konnotiert sind. In dem Zusammenhang, in dem sie bei der dieser Arbeit zugrundeliegenden Thematik Verwendung finden, handelt es sich jedoch um Begriffe einer ausschlie\u00dflich rituellen bzw. kultischen Konzeption, welche ihren Sitz im Leben vormals im Tempelkult hatte. Wenn diese Bezeichnungen in dieser Arbeit verwendet werden, sollten sie also in diesem ihrem urspr\u00fcnglichen Sinne verstanden werden!<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ablauf<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sofern der Blutfluss also f\u00fcnf Tage nach Beginn der Periode aufgeh\u00f6rt hat, beginnen nun die sieben sogenannten und bereits oben erw\u00e4hnten \u201ewei\u00dfen Tage&#8220;; m\u00f6glicherweise l\u00e4sst sich der Name von der wei\u00dfen Unterw\u00e4sche ableiten, die viele Frauen w\u00e4hrend dieser Zeit zu Kontrollzwecken tragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend der zw\u00f6lf Tage der niddah gelten besondere Regeln beim Kontakt der menstruierenden Frau mit ihrem Mann; w\u00e4hrend theoretisch keinerlei k\u00f6rperlicher Kontakt zwischen beiden stattfinden sollte, sieht die heutige Praxis dagegen vielfach anders aus; es scheint, als haben viele (der nicht ganz orthodoxen) Paare ihre eigenen Regeln entwickelt: einige schlafen nicht in getrennten Betten, sondern nur unter zwei verschiedenen Decken, andere vermeiden lediglich intimere Kontakte wie K\u00fcsse und Z\u00e4rtlichkeiten, wieder andere bedecken auch das Haar, benutzen kein Parfum und vermeiden das Singen in Gegenwart des Ehemannes, um in keinster Weise verf\u00fchrerisch zu wirken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle Einschr\u00e4nkungen der niddah beziehen sich auf das Verh\u00e4ltnis eines Paares; eine menstruierende Frau kann wie gewohnt an Gottesdiensten etc. teilnehmen und auch die Torarollen ber\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sofern in den sieben \u201ewei\u00dfen Tagen&#8220; tats\u00e4chlich keinerlei Blutfluss mehr stattfindet, ist danach der Zeitpunkt gekommen, eine mikweh aufzusuchen. Hier wird eine Geb\u00fchr bezahlt, deren H\u00f6he variieren kann, die jedoch die Unterhaltskosten der Anlage nicht deckt; finanziell wird die mikweh von der Gemeinschaft getragen. Sofern man nicht bereits zuhause gebadet und sich vollkommen (Haare, Z\u00e4hne, N\u00e4gel, etc.) ges\u00e4ubert hat, mu\u00df man dies hier vor dem Untertauchen tun. Anschlie\u00dfend wird man von der Balanit, welche auf die korrekte Einhaltung der Regeln achtet, begutachtet und kann dann \u2013 nach Ablegen aller k\u00f6rperfremden Dinge, wie z.B. Schmuck \u2013 untertauchen. Auch dies mu\u00df nach bestimmten Vorschriften ablaufen, um als korrekt zu gelten (z.B. vollst\u00e4ndiges Untertauchen) und wird entsprechend von der Balanit kontrolliert. Anschlie\u00dfend gilt die vormalige niddah wieder als tumah und der Zustand der Unreinheit ist vorbei.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Urspr\u00fcngliche Bedeutung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Urspr\u00fcnglich mag bei der Vorstellung von der durch die Menstruation verursachten Unreinheit das Blut eine wichtige Rolle gespielt haben. Blut selbst ist in der Tora nicht unrein, mu\u00df aber als Tr\u00e4ger des Lebens besonders behandelt werden (z.B. Lev 3,17) und hat eine besondere kultische Bedeutung (z.B. Lev 4; 5,9). Als \u201eSymbol&#8220; des Lebens steht es jedoch auch in engem Zusammenhang mit dem Tod: wo das Blut geht, geht auch das Leben, so dass die Menstruation als eine Art Ende eines Zyklus angesehen werden kann \u2013 wenngleich dieser freilich von neuem beginnen wird. Somit kann man die niddah als Zeit zwischen (symbolischem) Tod und (symbolischem) Neubeginn des Lebens ansehen. M\u00f6glicherweise liegt die damit einhergehende Unreinheit (bzw. das daraus folgende Verbot des sexuellen Kontakts) darin, dass w\u00e4hrend der \u201eTodeszeit&#8220; keine lebensf\u00f6rdernden bzw. -erneuernden Handlungen \u2013 also Zeugung \u2013 stattfinden sollen. M\u00f6glich ist aber auch, dass die Unreinheit durch diese (symbolische) Todesn\u00e4he verursacht wird \u2013 der Tod und Totes sind eine der Hauptquellen von Unreinheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Vorstellungen stehen nat\u00fcrlich eher im Hintergrund der Gesetze in Levitikus, weswegen auch nur Vermutungen \u00fcber die eigentlichen gedanklichen Urspr\u00fcnge der niddah angestellt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bereits gezeigt wurde, spielt das niddah-Konzept sowohl im Sexualleben als auch bei der kultischen Reinheit eine Rolle; beide Bereiche sind voneinander zu trennen, was daran deutlich wird, dass das kultische Konzept seit der Zerst\u00f6rung des Tempels 70 n. u. Z. sozusagen \u201ebrach&#8220; liegt. Dennoch, die eigentliche Bedeutung hat der niddah-Gedanke seit der Tempelzerst\u00f6rung im Eheleben; das kultische Reinheitsdenken tritt zugunsten der Gesetze f\u00fcr die Zweierbeziehung in den Hintergrund. Hier ist jedoch Vorsicht geboten: vielfach wird \u00fcber eine \u201eFamiliengesetzgebung&#8220; gesprochen, doch dies ist mitnichten der Fall, da die Vorschriften aus Lev 15, welche von einer \u00dcbertragbarkeit der Unreinheit sprachen, dem kultischen Bereich entstammen; die Sexualgesetze aus Lev 18 und 20 dagegen sprechen nicht von einer \u00dcbertragbarkeit. Die Menstruation der Frau hat also lediglich auf das betroffene Ehepaar Auswirkungen und nicht auf Gegenst\u00e4nde oder andere Menschen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die dennoch seit dem 19. Jahrhundert gebr\u00e4uchliche Bezeichnung taharat ha-mischpachah ist, so mutma\u00dft Fonrobert, \u201eorthodoxer Angst vor Assimilation und Identit\u00e4tsverlust&#8220; zuzuschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere Bedeutung, welche dem niddah-Konzept erst in neuerer Zeit zugekommen ist, ist das eines besonderen \u201eFrauenrituals&#8220;; dies ist besonders in den USA und dort auch durchaus in konservativen und liberalen Kreisen und hier besonders bei j\u00fcngeren Frauen zu beobachten. Hier steht zunehmend die weibliche Spiritualit\u00e4t und die R\u00fcckbesinnung auf spezifisch Weibliches im Vordergrund. Auch das \u201eWohlf\u00fchlen&#8220; der Frau bei ihrem Besuch in der mikweh ist wichtiger geworden; so erinnern viele mikwaot in Amerika mittlerweile schon beinahe an \u201eWellness-Center&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend also im konservativen und liberalen Milieu Spiritualit\u00e4t und Weiblichkeit eine wichtige Rolle spielen, handelt es sich bei der Einhaltung der niddah-Vorschriften f\u00fcr die Orthodoxie vor allen Dingen um eine Mitzwah von besonderer, ja, \u201eessentieller&#8220; Bedeutung. Allerdings schlie\u00dft dies die ideelle Erweiterung der Rituale nat\u00fcrlich nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fragen und Ergebnisse<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Folgende Fragen wurden 6 J\u00fcdinnen im Alter von 34-62 Jahren gestellt:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Wie alt sind Sie?<\/li><li>Welcher religi\u00f6sen Richtung f\u00fchlen Sie sich zugeh\u00f6rig?<\/li><li>Welchem Beruf gehen Sie nach? \/ Sind Sie nachgegangen?<\/li><li>Wie lange sind Sie verheiratet?<\/li><li>Ist es Ihnen unangenehm, mit anderen J\u00fcdinnen \u00fcber niddah zu sprechen \u2013 wenn ja, wieso?<\/li><li>Ist es Ihnen unangenehm, mit Au\u00dfenstehenden \u00fcber niddah zu sprechen \u2013 wenn ja, wieso?<\/li><li>Seit wann praktizieren Sie niddah?<\/li><li>Wurde niddah in Ihrer Familie praktiziert und wurden Sie entsprechend erzogen?<\/li><li>Falls nein, von wem haben Sie diese Praxis gelernt?<\/li><li>Welchen Einfluss hat die niddah auf Ihre Familie und Ihren Alltag?<\/li><li>Welchen Einfluss hat die Einhaltung der niddah-Gesetze auf Ihre Identit\u00e4t als J\u00fcdin?<\/li><li>Was ist alles anders w\u00e4hrend der niddah?<\/li><li>Ver\u00e4ndert sich Ihre K\u00f6rperwahrnehmung w\u00e4hrend der niddah?<\/li><li>Warum machen Sie das?<\/li><li>Welche Vorteile sehen Sie?<\/li><li>Welche Nachteile sehen Sie?<\/li><li>Haben Sie diese Praxis immer gleich bewertet oder hat sich Ihre Einstellung dazu nach Krisen o.\u00e4. ver\u00e4ndert \u2013 wenn ja, wie?<\/li><li>Mit welchem Gef\u00fchl gehen Sie in die mikweh?<\/li><li>Welchen Bezug haben Sie sonst zu Ihrer Religion und ihren Vorschriften?<\/li><li>Warum lehnen Sie niddah ab?<\/li><li>Gibt es weitere Punkte, die Ihrer Meinung nach bei einer Besch\u00e4ftigung mit diesem Thema angesprochen werden sollten?<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ziel dieses Fragekatalogs war es, die Sichtweise der jeweils befragten Person m\u00f6glichst gut verstehen und wiedergeben zu k\u00f6nnen; daher sollte nicht nur gekl\u00e4rt werden, wie niddah und der Besuch einer mikweh selbst rational und emotional gefasst werden, sondern auch, woher die Kenntnis von diesen Ritualen stammt, wie damit im Elternhaus umgegangen wurde sowie wie und warum sich die Bewertung dieser Praktiken ver\u00e4ndert hat, bzw. wie diese Bewertung in die sonstige Sichtweise auf die Religion eingebettet ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ergebnisse<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Auswertung der oben genannten Fragen zeitigt \u2013 der geringen Anzahl an Befragten zum Trotz \u2013 einige interessante Ergebnisse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So ist an erster Stelle festzuhalten, dass von den 6 befragten Personen lediglich eine tats\u00e4chlich die niddah-Konzeption guthei\u00dft und befolgt. Dabei handelt es sich au\u00dferdem um die einzige Befragte, welche sich selbst als \u201eorthodox&#8220; betrachtet, w\u00e4hrend alle anderen, die sich (wenn auch nicht uneingeschr\u00e4nkt) dem konservativen Spektrum zuordnen, die Einhaltung der niddah aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht praktizieren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Ablehnung des niddah-Gedankens (Unreinheitsgedanke, n\u00f6tige Reinigung)<\/li><li>Ablehnung der niddah-Gesetze (Verzicht auf K\u00f6rperkontakt)<\/li><li>keine grunds\u00e4tzliche Ablehnung, aber mangelnde Praxiserfahrung durch nicht-religi\u00f6se Erziehung, bzw. Ablehnung des Aufwandes, der gerade hierzulande, wo die n\u00e4chste mikweh durchaus weiter entfernt sein kann, betrieben werden m\u00fcsste<\/li><li>Rebellion und Widerstand gegen die in frommen Kreisen als Selbstverst\u00e4ndlichkeit empfundene Praxis sowie gegen die unhinterfragende Nachahmung derselben<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">M\u00f6glicherweise auff\u00e4llig ist (hier z.B. w\u00e4re es h\u00f6chst interessant gewesen, einen gr\u00f6\u00dferen Personenkreis befragen zu k\u00f6nnen), dass die zwei Frauen, welche auch religi\u00f6s erzogen wurden, heute zu den niddah-Ablehnenden z\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bedauerlicherweise kann nur eine Frau zu Wort kommen, wenn die Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Befolgung der niddah-Regeln betrachtet werden: die entsprechende Dame \u00e4u\u00dferte als wichtigsten Grund die Konsequenz: wenn man so j\u00fcdisch ist, dass man die Kaschrut (Speisegesetze) einh\u00e4lt, dann d\u00fcrfe man sich auch nicht vor den m\u00f6glicherweise schwerer befolgbar erscheinenden niddah-Gesetzen dr\u00fccken. Weiterhin aber sei der Beginn ihrer niddah-Praxis (vor 15 Jahren) auch Teil einer Suche nach den eigenen Wurzeln und Neugier gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr interessant ist auch, dass ausnahmslos alle Befragten sofort bekannten, \u201ereligi\u00f6s&#8220;, bzw. \u201esehr religi\u00f6s&#8220; zu sein \u2013 was jedoch nicht ausschlie\u00dft, dass man bestimmte Vorschriften, wie in diesem Fall eben die niddah, ablehnt, weil man sie entweder aus konkreten Gr\u00fcnden nicht guthei\u00dft oder weil man seinen Glauben einfach weniger praktisch orientiert sieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine andere Sichtweise wurde von der niddah-praktizierenden Person ge\u00e4u\u00dfert: die Vorschriften k\u00f6nnen auch als \u201eroter Faden&#8220; dienen und daher mit Freude befolgt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum (freilich von der niddah unabh\u00e4ngigen) mikweh-Besuch dagegen k\u00f6nnen mehr Frauen aus eigener Erfahrung berichten: alle Befragten empfanden das Untertauchen hier als etwas origin\u00e4r J\u00fcdisches und damit als identit\u00e4tsstiftend. Gerade der Besuch nach der Periode wird als \u201egesch\u00fctzter Moment&#8220; betrachtet, den man mit Vorfreude erwartet, aber auch der mikweh-Besuch nach schwerer Krankheit wird sehr positiv, n\u00e4mlich dezidiert als Ende eines Abschnitts, bei dem \u201eUnsicherheiten weggewaschen&#8220; werden, gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ablauf der niddah l\u00e4sst sich leicht parallel zu van Genneps \u00dcbergangsritenschema betrachten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Rite des s\u00e9paration k\u00f6rperliche Trennung vom Ehepartner, dann aber auch die gr\u00fcndliche Reinigung des K\u00f6rpers, Entfernung von allem an ihm haftenden Schmutz sowie weiteren k\u00f6rperfremden Dingen<\/li><li>Rite de marge Eintauchen in das Wasser der mikweh<\/li><li>Rite d\\`agr\u00e9gation die danach erfolgende Wiederaufnahme der k\u00f6rperlichen Beziehungen zum Partner<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vor- und Nachteile<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem das Konzept der niddah nun auf seine historischen Wurzeln hin betrachtet und mehr oder weniger abstrakt erl\u00e4utert wurde, sollen nun die Vor- und Nachteile, welche die Einhaltung dieser Gesetze f\u00fcr die Frauen haben k\u00f6nnen, kurz geschildert werden. Dieser Zusammenstellung liegen sowohl die jeweils genannte Literatur als auch die Befragung zugrunde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vorteile<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Beziehung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immer wieder erw\u00e4hnen befragte Frauen die Vorteile, welche die Einhaltung der niddah f\u00fcr ihre Beziehung hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einerseits steigert das Verbot des geschlechtlichen Umgangs die Freude der Partner nach Ende der Unreinheitsperiode aufeinander, so dass die Beziehung regelm\u00e4\u00dfig \u201eerneuert&#8220; wird und man \u201emonatlich wiederkehrende Flitterwochen&#8220; erleben kann. Der Talmud begr\u00fcndet die sieben \u201ewei\u00dfen Tage&#8220; sogar mit der Absicht, das Interesse der Partner f\u00fcreinander zu erhalten. Andererseits f\u00f6rdert das Verbot k\u00f6rperlicher Kontakte andere Kommunikationsformen zwischen den Partnern, so dass die k\u00f6rperliche Distanz zu einer emotionalen und geistigen Ann\u00e4herung f\u00fchren kann. Hinzu kommt, dass auch M\u00e4nner \u00fcber den biologischen Zyklus ihrer Frau bestens informiert sind und sich entsprechend auf sie einstellen k\u00f6nnen. Gleichzeitig k\u00f6nnen sich die Partner nicht gegenseitig als frei verf\u00fcgbares \u201eEigentum&#8220; und Gegebenes betrachten, sondern lernen eben durch das tempor\u00e4re Verbot, den anderen zu ber\u00fchren, gerade dessen Wert sch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich empfinden viele Frauen die religi\u00f6se Dimension, die ihre Sexualit\u00e4t auf diese Weise erh\u00e4lt, als Bereicherung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">J\u00fcdische Identit\u00e4t<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein anderer h\u00e4ufig genannter Vorzug der Einhaltung der niddah-Gesetze ist der, dass gerade das Ritual des mikweh-Besuchs als \u201eVerbindungsm\u00f6glichkeit&#8220; zu anderen Frauen zu verschiedenen Zeiten an allen Orten empfunden wird. Greenberg zitiert einige Frauen, die dies beispielhaft verdeutlichen: \u201eAls ich das erste Mal untertauchte, konzentrierte ich mich darauf, wie mich diese Handlung mit Generationen von Frauen verband.&#8220; \u201eDie J\u00fcdinnen in Masada benutzten eine mikweh.&#8220; \u201eJedes Mal wenn ich die mikweh benutze, f\u00fchle ich, dass ich zum Kern des Judentums und zu meiner eigenen Mitte zur\u00fcckkehre.&#8220; \u201eIch f\u00fchle mich all den Frauen, die ebenfalls die mikweh benutzen, nahe. Wir teilen alle Arten von unausgesprochenen Geheimnissen miteinander; immerhin zelebrieren wir unsere K\u00f6rper, unsere Sexualit\u00e4t, unsere erneuerbaren Kr\u00e4fte auf die gleiche Weise\u2026&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4hnlich \u00e4u\u00dferten sich auch zwei der von mir befragten Frauen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Eigene Identit\u00e4t<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daneben gibt die niddah sowohl der Frau als auch dem Mann die M\u00f6glichkeit, sich auf sich selbst zu konzentrieren, ohne dass dies vom Partner als Zur\u00fcckweisung verstanden wird. Damit einhergeht, dass man lernt, sich selbst zu beherrschen und seine Triebe zu kanalisieren. Au\u00dferdem kennt sich eine niddah praktizierende Frau mit ihrem eigenen K\u00f6rper und ihren Zyklen gut aus, was ein diffuses, aber beruhigendes Gef\u00fchl, dass man Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten und Krankheiten schnell bemerken w\u00fcrde, zur Folge hat. Zudem f\u00f6rderten die niddah-Regeln das bewusste und spirituelle Leben \u00fcberhaupt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich wird die niddah vielfach als erholsam empfunden; die mikweh wird zum \u201eluxuri\u00f6sesten Kurhaus der Welt&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nachteile<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Beziehung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nachteile stehen den Vorteilen wie ein Spiegelbild gegen\u00fcber; was die Eine als hilfreich empfindet, qu\u00e4lt die Andere. So wird gerade das strikte Verbot des sexuellen Umgangs miteinander vielfach auch zum Problem; nat\u00fcrlich sehnt man sich manchmal nach k\u00f6rperlichem Kontakt, umso mehr, wenn man schwere Zeiten (Krankheiten, Todesf\u00e4lle, etc.) oder gl\u00fcckliche Momente (Geburt, etc.) durchlebt. Interessanterweise \u00e4u\u00dferte sich zu diesem Punkt aber eine der von mir befragten J\u00fcdinnen dahingehend, dass Umarmungen und andere tr\u00f6stende Z\u00e4rtlichkeiten f\u00fcr sie Teil dessen sind, was zur pikuach nefesch, also dem im Judentum als \u00fcbergeordnetes Prinzip betrachteten \u201eErhalt des Lebens&#8220;, geh\u00f6rt und also Vorrang vor der Einhaltung der niddah-Regeln hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die von einigen Frauen als \u201eFlitterwochen&#8220; bezeichnete Freude aufeinander wird nicht von allen so empfunden, denn auf der anderen Seite geht die Spontaneit\u00e4t verloren, wenn der Geschlechtsverkehr so fest geplant und selbstverst\u00e4ndlich wird; zudem m\u00f6chten viele Paare die kurze f\u00fcr die Sexualit\u00e4t zur Verf\u00fcgung stehende Zeit bestm\u00f6glich nutzen, was mitunter als anstrengend erlebt wird.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Identit\u00e4t<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Frauen sind peinlich ber\u00fchrt, wenn andere Menschen von ihrer niddah erfahren, was sich aber nat\u00fcrlich nicht immer vermeiden l\u00e4sst. Au\u00dferdem passt der eigene Zeitplan nicht zwangsl\u00e4ufig mit dem eigenen Zyklus und den \u00d6ffnungszeiten der mikweh \u00fcberein, zumal dem Besuch dort ja in der Regel auch einige Vorbereitungen zuhause (Reinigung) vorausgehen. Daher ist die Einhaltung der niddah-Gebote f\u00fcr viele Frauen in erster Linie stressig, zeitintensiv und wenig erholsam. Hinzu kommt die Frage, ob zwei Partner in einer funktionierenden und gleichberechtigten Beziehung tats\u00e4chlich eine \u201everordnete&#8220; Pause ben\u00f6tigen oder ob es nicht, wie eine der befragten Frauen sagte, eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist, dass man einander auch die von Zeit zu Zeit notwendige und gew\u00fcnschte \u201eRuhe&#8220; gew\u00e4hrt!? Dieselbe Person sieht sogar die weibliche Identit\u00e4t geschw\u00e4cht, da eine als n\u00f6tig vorgestellte Reinigung von Unreinheit, selbst wenn diese \u201enur&#8220; kultischer Art ist, von ihr als dem\u00fctigend empfunden wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Andrea Gropp Westf\u00e4lische Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnsterKatholisch-Theologische Fakult\u00e4tSS 2007 Hauptseminar: Rein und unrein. 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