{"id":604,"date":"2021-06-06T19:05:21","date_gmt":"2021-06-06T17:05:21","guid":{"rendered":"http:\/\/alefbet.z-g-a.de\/?p=604"},"modified":"2021-11-09T13:59:26","modified_gmt":"2021-11-09T12:59:26","slug":"jom-kippur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alefbet.de\/?p=604","title":{"rendered":"Jom Kippur"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von<br><strong>Maren Plahuta<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Westf\u00e4lische Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster<br>Katholisch-Theologische Fakult\u00e4t<br>Abteilung f\u00fcr Feministische Theologie<br>SS 2007<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hauptseminar: Rein und unrein. Zur Welt des dritten Buches der Tora (Levitikus)<br>Dozentin: Prof. Dr. Marie-Theresia Wacker<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Theorie und Praxis:<br>Zur Schwierigkeit einer ritualtheoretischen Erfassung des gro\u00dfen Vers\u00f6hungstages<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I. Einleitung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der j\u00fcdische Philosoph Franz Rosenzweig wurde durch einen eher zuf\u00e4lligen Besuch einer kleinen orthodoxen Synagoge Berlins w\u00e4hrend des Jom Kippur von seinem festen Vorsatz abgebracht, zum Christentum zu konvertieren. Die Feierlichkeiten anl\u00e4sslich dieses Tages m\u00fcssen ihm als etwas erschienen sein, was singul\u00e4r in der Religionslandschaft ist und auf das er nicht verzichten kann. Die Rituale des h\u00f6chsten aller j\u00fcdischen Feiertage sind fester Bestandteil j\u00fcdischen Lebens und einzelne Elemente, wie der biblische S\u00fcndenbock, der zur Zeit des zweiten Tempels an diesem Tag in die W\u00fcste gejagt wurde, sind auch im au\u00dfer-j\u00fcdischen Bereich sprichw\u00f6rtlich geworden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was aber macht das Besondere an Jom Kippur, dem gro\u00dfen Vers\u00f6hnungstag aus und ist er wirklich so einzigartig, wie der Gl\u00e4ubige ihn wahrnimmt? Oder ist er vielleicht nur eine spezielle j\u00fcdische Auspr\u00e4gung eines verbreiteten rituellen Schemas, durch das er sich erkl\u00e4ren l\u00e4sst? Liegt der Kern des Ritus au\u00dferhalb jeder begrifflichen Beschreibbarkeit oder l\u00e4sst sich das Wesentliche auf ein wiederkehrendes Grundmuster reduzieren? Dieser Frage nach der M\u00f6glichkeit einer umfassenden wissenschaftlichen Erkl\u00e4rung des Jom Kippur durch die g\u00e4ngigen Ritualtheorien von Josef Franz Thiel bis Mary Douglas will die vorliegende Arbeit nachgehen. Wie sieht es aus mit der Kompabilit\u00e4t von (Ritual-) Theorie und (ritueller) Praxis? Kann ein solch komplexes Gebilde wie der gro\u00dfe Vers\u00f6hnungstag von einer Theorie allein erfasst werden oder fallen bei dieser Art der Betrachtung vielleicht gerade die entscheidenden Aspekte durchs Raster?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um dieser Frage detaillierter auf den Grund gehen zu k\u00f6nnen, sollen vorab sowohl das Ritual des Jom Kippur in seiner Entwicklung von alttestamentlicher Zeit bis heute und die bekanntesten klassischen und modernen Ritualtheorien vorgestellt werden. Die anschlie\u00dfende Analyse wird dann versuchen eine Br\u00fccke zu schlagen &#8211; zwischen Theorie und Praxis.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II. Die Praxis: Jom Kippur<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um sich der Bedeutung des gro\u00dfen Vers\u00f6hnungstages n\u00e4hern zu k\u00f6nnen, ist zuerst ein kurzer Blick auf seinen Platz im Ablauf des j\u00fcdischen Jahres notwendig. Gefeiert wird Jom Kippur am zehnten Tischri, zehn Tage nach dem Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Zwischen diesen beiden Feiertagen liegt eine Zeit der Bu\u00dfe und der Besinnung. Schon an Rosch ha-Schana selbst ist der Blick auf den kommenden Vers\u00f6hnungstag gerichtet, denn schon an diesem Tag, dem \u201eTag des Gedenkens&#8220;, \u00f6ffnen sich im Himmel die B\u00fccher. In einem Buch sind die Namen und Taten der Menschen eingetragen, in ein anders wird Gott das Schicksal eines jeden Einzelnen f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr niederlegen. Zehn Tage lang hat der Mensch nun Zeit, Einfluss auf das zu nehmen, was \u00fcber ihn in den B\u00fcchern stehen wird, welches Urteil Gott \u00fcber ihn verh\u00e4ngen wird, denn erst am Jom Kippur schlie\u00dfen sich die himmlischen B\u00fccher wieder. Um die Menschen auf ihre Chance aufmerksam zu machen, um sie wachzur\u00fctteln, wird an Rosch ha-Schana, in manchen Gemeinden auch schon in den Betstunden des Monats Ellul, das Schofar geblasen. Die kommenden zehn Tage bis zum Jom Kippur stehen dann unter dem Zeichen der Auss\u00f6hnung des Menschen mit sich selbst, mit Gott, aber vor allem mit seinen N\u00e4chsten. Streitigkeiten sollen beigelegt und Missverst\u00e4ndnisse ausger\u00e4umt werden. Wem von seinen Mitmenschen nicht verziehen wurde oder wer denen, die ihm Unrecht getan haben nicht vergibt, kann am gro\u00dfen Vers\u00f6hnungstag auch keine Auss\u00f6hnung mit Gott erhoffen. Der Frieden der Menschen untereinander ist die Voraussetzung f\u00fcr den Frieden der Menschen mit Gott. Aus diesem Grund ist Jom Kippur nicht allein auf das Geschehen am zehnten Tischri selbst zu beschr\u00e4nken, sondern muss in seinem Kontext zu Rosch ha-Schana und den zehn Tagen der Bu\u00dfe zusammen gedacht werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Jom Kippur, oder hebr\u00e4isch Yom ha-Kippurim, schlie\u00dft sich an die zehn Bu\u00dftage der h\u00f6chste Feiertag des j\u00fcdischen Festkalenders an. Nach der Haggadah ist der zehnte Tischri der Tag, an dem Moses die Gesetzestafeln \u00fcbergeben wurden und auch der Tag, an dem Abraham bereit war, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. Es ist der einzige Festtag, der auch in der Diaspora nur eint\u00e4gig begangen wird. De Vries bezeichnet Jom Kippur als den Sabbat des ganzen Jahres: wie an jedem Sabbat lege der Mensch an diesem Tag seinen \u201eHerrscherstab&#8220; nieder und werde sich seiner Rolle als Diener Gottes bewusst. Wenn der Mensch an Jom Kippur seine Arbeit ruhen l\u00e4sst und vor Gott tritt, l\u00e4gen zudem noch seine Taten und Untaten des vergangenen Jahres zur Pr\u00fcfung vor. Im Unterschied zum w\u00f6chentlichen Sabbat ist der Vers\u00f6hnungstag auch nicht vom Gedenken an die F\u00fclle, die Gott den Menschen geschenkt hat, gepr\u00e4gt, sondern vom Fasten, Verzichten und der Hoffnung auf Gottes Gnade. Auch wenn dieser Tag ein Feiertag ist, an dem alle Arbeit untersagt ist, ein Schabbat-Schabbaton, so soll doch die Seele der Menschen betr\u00fcbt sein. Was genau damit gemeint ist, wird in der Tora selbst nicht n\u00e4her erkl\u00e4rt, doch Passagen anderer Schriften sprechen explizit vom Fasten. Fasten meint an Jom Kippur neben dem v\u00f6lligen Verzicht auf Essen und Trinken f\u00fcr ca. 25 Stunden auch die Enthaltung von K\u00f6rperpflege, das Nichtbenutzen von Lederschuhen und den Verzicht auf Geschlechtsverkehr. Waschen ist nur in dem Ma\u00dfe erlaubt, wie es dazu dient, die Mindestanforderungen von Hygiene zu gew\u00e4hrleisten. Anstatt der Lederschuhe werden an diesem Tag Filzpantoffeln getragen. Das Gebot, am Vers\u00f6hnungstag keine Lederschuhe zu tragen, ist das einzige, was auch schon f\u00fcr j\u00fcdische Kinder gilt, die von den sonstigen Enthaltungen ausgenommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da es in dieser Analyse um die ritualtheoretische Erfassung des Jom Kippur geht, soll im Folgenden der Ritus dieses Tages nachvollzogen werden. Ihren Ausgang wird diese Betrachtung bei den biblischen Grundlagen nehmen, um dann die Entwicklung des gro\u00dfen Vers\u00f6hnungstages durch die j\u00fcdische Geschichte hindurch bis in die Gegenwart zu verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die biblische Basis: Leviticus 16<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die biblische Grundlage des Jom Kippur zeigt zun\u00e4chst ein paradoxes Bild: Leviticus 16 liefert zwar eine genau Darstellung dessen, was an diesem Tag passieren soll, nennt jedoch den Namen Yom ha-Kippurim nicht; dieser f\u00e4llt erst sp\u00e4ter, in Lev 23. Bei der herausragenden Bedeutung des Jom Kippur f\u00fcr den j\u00fcdischen Jahreszyklus ist es des Weiteren umso erstaunlicher, dass dieser Tag in den anderen Festkalendern der Bibel \u00fcberhaupt nicht erw\u00e4hnt wird. F\u00fcr Galley ist vor allem der S\u00fcndenbock-Ritus ein Indiz daf\u00fcr, dass es sich beim Jom Kippur dennoch um ein sehr altes Fest mit lang zur\u00fcckreichender Tradition handelt. Interessant ist auch, dass die Beschreibung des Vers\u00f6hnungstag-Rituals in Lev 16 nicht im Kontext der anderen Opfer- und Festgesetzte steht, sondern als Konsequenz des Todes zweier S\u00f6hne Aarons im Tempel eingef\u00fchrt wird. Dass dieses Ritual jedes Jahr einmal wiederholt werden soll, erf\u00e4hrt der Leser erst ganz am Schluss in knapper Form. Wie auch J\u00fcrgens feststellt, erschlie\u00dft sich das in Leviticus 16 beschriebene Ritual dem vom westlichen Denken gepr\u00e4gten Leser nur sehr schwer. Um sich klar zu machen, welche Bedeutung der Jom Kippur in sich tr\u00e4gt, ist jedoch ein Blick auf diesen Text unerl\u00e4sslich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ritual besteht aus zwei Komplexen: im ersten Teil geht es um ein Blutritual zur Reinigung des Heiligtums, der Priesterschaft und der Gemeinschaft Israels. Da das Volk Israel in der unmittelbaren N\u00e4he des Heiligen lebt, seit Gott seine Wohnstatt im Offenbarungszelt genommen hatte, ist es in besonderer Weise verpflichtet, ebenfalls heilig zu sein, damit die lebensspendende Kraft der Gegenwart Gottes nicht ins Gegenteil umschl\u00e4gt. Die Sammlung von Reinigungsvorschriften im Buch Leviticus zeigt aber, dass die M\u00f6glichkeit, dass Israel auch mit Unreinheit in Kontakt kommt, bewusst mit einbezogen wird. Solche Verunreinigungen k\u00f6nnen ohne Zutun des jeweiligen Menschen geschehen, wie bei Geburt und Menstruation, aber auch zum Beispiel durch die Aufnahme ungeeigneter Nahrung. Nur wenn alle diese verborgenen und offenkundigen Unreinheiten, die sich im Laufe des Jahres im Volk Israel ansammeln, immer wieder ges\u00fchnt werden, ist nach der priesterlichen Theologie des Buches Leviticus ein Leben in der N\u00e4he des Heiligen m\u00f6glich. Zum Zweck dieser S\u00fchne werden am Vers\u00f6hnungstag ein Jungstier und ein Ziegenbock geschlachtet, deren Blut Aaron bis ins Allerheiligste tr\u00e4gt und dort verspritzt. Das Blut, als ein von Gott selbst gegebenes S\u00fchnemittel, hat, wenn es auf den Altar und die Deckplatte, den Ort der Gegenwart Gottes gespritzt wird, eine s\u00fchnende Wirkung f\u00fcr die gesamte Gemeinschaft Israel. Gleichzeitig wird mit diesem Blutritus der Tempel, der Ort der h\u00f6chsten Reinheit, von allen st\u00f6renden und gef\u00e4hrlichen Unreinheiten befreit, so dass man hier ein Indiz f\u00fcr die Legitimation der Theorie von Mary Douglas sehen kann: die Ordnung wird wieder hergestellt, indem das, was nicht in den Tempel geh\u00f6rt, von dort entfernt wird. So soll m\u00f6gliches Unheil von Israel abgehalten und ein Zustand erreicht werden, in dem die Menschen gefahrlos in der N\u00e4he Gottes leben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den zweiten Teil des Vers\u00f6hnungstages bildet das so genannte S\u00fcndenbockritual. Gemeinsam mit dem Ziegenbock, der bereits geschlachtet wurde und dessen Blut Aaron ins Heiligtum gebracht und dort verspritzt hat, ist noch ein zweiter Bock zum Offenbarungszelt gef\u00fchrt worden. Per Los wurde entschieden, welcher von ihnen \u201ef\u00fcr den Herrn&#8220; ist und geschlachtet wird und welcher \u201ef\u00fcr Asasel&#8220;. Der Bock, auf den das Los \u201ef\u00fcr Asasel&#8220; fiel, wird nun mit den S\u00fcnden des Volkes Israel beladen, indem Aaron seine H\u00e4nde auf den Kopf des Tieres legt. Anschlie\u00dfend wird er in die W\u00fcste getrieben, wobei er die S\u00fcnden mit sich fortnimmt, sie also aus der Gemeinschaft entfernt. Der Name Asasel bezeichnet hier in Lev 16 urspr\u00fcnglich einen W\u00fcstend\u00e4mon, der, im Gegensatz zu JHWH, das Chaos und den Tod repr\u00e4sentiert. Die S\u00fcnde und die Unreinheit als Manifestationen des Chaos werden durch den Ziegenbock demnach wieder an ihren Ursprungsort zur\u00fcckgetragen. Indem Asasel das, was zu ihm geh\u00f6rt, wieder bekommt, wird also auch hier, ganz im Sinne des Ansatzes von Douglas, die richtige Ordnung der Dinge wieder hergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser sehr auf den Tempel zentrierte Ritus musste nach der Zerst\u00f6rung des Heiligtums 70 n. Chr. v\u00f6llig neu definiert werden, um seinen Sinn und seine Berechtigung im j\u00fcdischen Kalender zu behalten. Es gab nun kein Allerheiligstes mehr, das es zu reinigen galt, keinen Ort der Gegenwart Gottes, an dem die S\u00fcnden Israels ges\u00fchnt werden konnten. Doch obwohl Israel nun nicht mehr in der unmittelbaren, r\u00e4umlichen N\u00e4he Gottes lebte, erhielt sich andererseits das Bewusstsein, auf die st\u00e4ndige Vers\u00f6hnung und Reinigung angewiesen zu sein. Beigetragen zu diesem Bewusstsein hatten vor allem die Niederlagen der j\u00fcdischen Aufstandsbewegung, die gro\u00dfen Verluste in der Bev\u00f6lkerung und die Zerst\u00f6rung des zweiten Tempels, so dass sich die rabbinischen Theologen vor die Aufgabe gestellt sahen, den Jom Kippur-Ritus an die Lehrh\u00e4user und Synagogen zu adaptieren. Zu diesem Zweck \u00fcberf\u00fchrten sie die Handlungen des Priesters im Tempel von der praktischen auf die narrative Ebene: da der Tempelritus nun nicht mehr vollzogen werden konnte, wurde die Avoda, die vom Priester auszuf\u00fchrende Handlung, im feierlichen Zusatzgottesdienst des Jom Kippur rezitiert und an besonders bedeutsamen Stellen szenisch dramatisiert. Sowohl in der Mischna, als auch im Talmud, dort besonders im Traktat Joma, sind detaillierte und emotional sehr aufgeladene Schilderungen der Avoda zu finden, wie sie, der Erinnerung der Rabbinen zufolge, zur Zeit des Zweiten Tempels ausgef\u00fchrt wurde. Parallel zu dieser narrativen Ausgestaltung ver\u00e4nderte sich auch die Teilnahme der j\u00fcdischen Gemeinde an diesem Fest. Als Folge des tiefen Bewusstseins vieler Juden, auf die Ents\u00fchnung durch Gott angewiesen zu sein, intensivierten sich auch die Bu\u00df\u00fcbungen des ganzt\u00e4gigen Gebets und das Fasten. So trat nach dem Verschwinden des priesterlichen Rituals die Verantwortlichkeit des Einzelnen f\u00fcr seine Ents\u00fchnung mehr in den Vordergrund.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Jom Kippur heute: Rituale und Br\u00e4uch<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie alle j\u00fcdischen Feiertage beginnt auch Jom Kippur bereits am Abend des Vortags. Doch nicht erst mit dem Abendgottesdienst h\u00e4lt der gro\u00dfe Vers\u00f6hnungstag Einzug in die Haushalte. Bereits beim Nachmittagsgebet in der Synagoge wird zum ersten Mal das f\u00fcr Jom Kippur so wichtige S\u00fcndenbekenntnis, das Vidui, gesprochen. Die alphabetische Auflistung der S\u00fcnden geht noch auf die Zeremonie im Tempel zur\u00fcck, wurde aber in nachtalmudischer Zeit deutlich erweitert. Die Aufz\u00e4hlung der Verfehlungen reicht von Treulosigkeit bis hin zu Irrtum und bezieht sich keineswegs nur auf das einzelne Individuum, sondern auf Israel als Ganzes, welches Gott um Verzeihung bittet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Nachmittagsgebet beginnt daheim auch die Zeit der k\u00f6rperlichen Vorbereitung auf den Vers\u00f6hnungstag. K\u00f6rperliche Reinigung, oft auch das Schneiden der Haare, und eine letzte Mahlzeit bereiten den Gl\u00e4ubigen auf das Fasten vor. Zwei Kerzen werden entz\u00fcndet und gesegnet. Eine von ihnen verbleibt im Haus, die andere nimmt man mit in die Synagoge zum Andenken der Verstorbenen. Denn mehr noch als das Neujahrsfest hat Jom Kippur sein Zentrum in der Synagoge, die seit Rosch ha-Schana ganz in wei\u00df geschm\u00fcckt ist. Und auch die Kleidung der Gl\u00e4ubigen ist an diesem Tag wei\u00df, Kantor und Lehrer tragen an Jom Kippur schon den wei\u00dfen Kittel, den sie einst als Totenkleidung tragen werden. Gedanken an den Tod, sowohl an den bereits verstorbener Mitmenschen aber auch an den eigenen, begleiten die Gl\u00e4ubigen an diesem Abend st\u00e4rker als an anderen Tagen zur und in der Synagoge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der nun beginnende Abendgottesdienst wird nach dem ausschlie\u00dflich zu dieser Gelegenheit zitierten Gebet Kol Nidre genannt. Der Ursprung dieses Gebets, das an Jom Kippur dem Abendgebet vorangestellt wird, liegt in talmudischer Zeit. Der Inhalt diente antij\u00fcdischen Autoren immer wieder als scheinbarer Beleg daf\u00fcr, dass das Wort eines Juden nichts wert sei, da im Kol Nidre alle uneingel\u00f6sten Eide und Versprechungen, vorschnell oder unabsichtlich abgegeben, f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt werden. Dass eine solch polemische Interpretation nicht haltbar ist, wird schon durch das oben beschriebene Verst\u00e4ndnis vom Jom Kippur deutlich, dem eine Vers\u00f6hnung mit den Mitmenschen vorangehen muss: die Gel\u00fcbde, die im Kol Nidre f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt werden, beziehen sich alleine auf das Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Gott. Bevor der Kantor jedoch die bekannte Melodie anstimmt und anschlie\u00dfend drei Mal wiederholt, ruft ein Kollegium aus Vorbeter, Rabbiner und einem weiteren angesehenen Gemeindemitglied alle Anwesenden zum gemeinsamen Gebet auf. Denn an Jom Kippur ist es dem Reinen erlaubt, neben dem S\u00fcnder zu beten, dem vermeintlich Schuldlosen neben dem, der sich seiner Verfehlungen sehr bewusst ist. Die Formel, mit der diese Erlaubnis ausgesprochen wird, wurde mit kleinen Variationen fast \u00fcberall in der Diaspora \u00fcbernommen. Ein weiterer fester Bestandteil des Abendgottesdienstes wie auch des darauf folgenden Tages ist das oben bereits erw\u00e4hnte S\u00fcndenbekenntnis, welches vierundvierzig Vergehen auflistet und im Laufe des Jom Kippur-Rituals zehn mal gesprochen wird. Diese Zehnzahl soll ankn\u00fcpfen an den Vers\u00f6hnungstag zur Zeit des Tempels, an dem, und nur an dem, der Priester genau zehn Mal den Namen Gottes aussprach. In vielen Gemeinden wird am Abend des Jom Kippur gepredigt, w\u00e4hrend an allen \u00fcbrigen Tagen des Jahres Predigten im synagogalen Gottesdienst eher un\u00fcblich sind. Nach Abschluss des Abendgottesdienstes bleibt die Synagoge in dieser Nacht offen und beleuchtet. Es steht jedem frei dort zu verweilen, Psalmen zu lesen oder zu beten. In orthodoxen Gemeinden geht der Abendgottesdienst ohnehin oft unmittelbar ins Morgengebet \u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der eigentliche Tag des Jom Kippur beginnt bereits in den fr\u00fchen Morgenstunden. Neben der Lesung spezieller Toraabschnitte wird im Morgengottesdienst vor allem der Verstorbenen gedacht. Bei dem Gebet Jiskor, das zu diesem Anlass gesprochen wird und das den Gottesdienst beendet, verlassen die Gemeindemitglieder, deren Eltern noch leben, die Synagoge. Den eigentlichen H\u00f6hepunkt des Festtages bildet jedoch der Zusatzgottesdienst Mussaf, in dessen Mittelpunkt die Rezitation der Avoda steht. Von sechs Personen wird Lev 16 in einem nur f\u00fcr hohe Feiertage gebr\u00e4uchlichen Singsang vorgetragen, ein siebtes Gemeindemitglied liest Jesaja 57, 14-21 vor, in dem falsches Fasten verurteilt und Menschlichkeit gelobt wird. W\u00e4hrend des Mussaf-Gebets vollzieht sich ein in der Synagoge sonst un\u00fcbliches Ritual: wie schon am Neujahrstag kniet die ganze Gemeinde vor dem offenen Toraschrank nieder. Auch mit dieser Geste wird die Erinnerung an die Tempel-Zeremonie bewahrt, von der \u00fcberliefert ist, dass die Gemeinde sich auf den Boden warf, wenn der Hohepriester aus dem Allerheiligsten kam und den Namen des Ewigen aussprach. Heute wiederholt die Gemeinde an Jom Kippur das Niederwerfen bei jeder Erw\u00e4hnung dieses Ereignisses drei Mal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um die Zeiten zwischen den festen Gebeten zu f\u00fcllen und dem Bed\u00fcrfnis vieler gerecht zu werden, den ganzen Tag in der Synagoge zu verbringen, hatte man schon fr\u00fch eine L\u00f6sung gefunden: Pijutim, liturgische Gedichte, die zum Teil eine eigene Melodie erhielten, werden rezitiert und \u00fcberbr\u00fccken so die Zeit bis zum Beginn des Nachmittagsgebets, der Mincha, in dessen Verlauf die Tora zum zweiten Mal zum<br>Podium gebracht und entrollt wird. Drei Gemeindemitglieder werden nach vorn gebeten, von denen zwei aus Lev 18 vorlesen und ein Drittes die Geschichte des Propheten Jona. Im Zentrum des Nachmittagsgottesdienstes steht im westeurop\u00e4ischen Ritus das Gedenken an die j\u00fcdischen M\u00e4rtyrer, zum Beispiel an die zehn Gelehrten, die im 2. Jahrhundert n. Chr. von den R\u00f6mern gefoltert und ermordet wurden. Aber auch das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hat hier seinen Platz. In die vierte Amida werden Bitten um Vergebung, Selichot, eingef\u00fcgt, von denen manche noch aus der Zeit der Kreuzz\u00fcge stammen. Als Zeichen der Vers\u00f6hnungsbed\u00fcrftigkeit Israels wird an Jom Kippur jedes der festen Gebete mit solchen Selichot beendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der erneuten Wiederholung des S\u00fcndenbekenntnisses schlie\u00dft die Mincha und geht dann nahtlos in den letzten Gottesdienst des Tages \u00fcber. Dieser Schlussgottesdienst ist, wie schon sein Name Ne\u2019ila (\u201eSchlie\u00dfung&#8220;) andeutet, der Zeitpunkt, an dem die himmlischen B\u00fccher, die Pforten des Himmels, sich wieder schlie\u00dfen. Mit gro\u00dfer Inbrunst werden nun noch einmal Bittgebete vorgetragen und an Gottes Barmherzigkeit appelliert. Mit dem Schma Jisrael und dem Erklingen des Schofars endet der gro\u00dfe Vers\u00f6hnungstag. Nun hat sich entschieden, ob der einzelne f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr in das Buch der Lebenden oder der Toten geschrieben wurde. Der abschlie\u00dfende Wunsch der Gemeinde, die nie erl\u00f6schende Hoffnung, ist ein Ausblick in die Zukunft: \u201eN\u00e4chstes Jahr in Jerusalem!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Theorie: Von Thiel bis Douglas<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun war im Vorangehenden schon h\u00e4ufig vom \u201aJom Kippur-Ritual\u2019 und von bestimmten \u201aRiten\u2019, die an diesem Tag vollzogen werden, die Rede. Da die vorliegende Arbeit den Vers\u00f6hnungstag anhand der zentralen religionswissenschaftlichen Kategorie des Rituals beleuchten m\u00f6chte, sollen diese Begriffe nicht unkommentiert stehen bleiben. Um Paradigmen f\u00fcr die folgende ritualtheoretische Analyse zu bekommen, soll nun im n\u00e4chsten Schritt der Begriff \u201aRitual\u2019 n\u00e4her beleuchtet und anschlie\u00dfend die wichtigsten und f\u00fcr die sp\u00e4tere Betrachtung relevanten Ritualtheorien vorgestellt werden, ohne dass dabei auch nur ann\u00e4hernd der Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit erhoben wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuallererst ist es sinnvoll, zwischen den Begriffen \u201aRitus\u2019 und \u201aRitual\u2019 zu differenzieren, auch wenn beide in der deutschen Sprache seit dem 18. Jahrhundert synonym gebraucht werden: \u201aRitus\u2019 soll hier den kleinsten Bestandteil heiliger Handlungen bezeichnen, w\u00e4hrend \u201aRitual\u2019 f\u00fcr das sich aus einzelnen Riten aufbauende Gesamtgeflecht steht. Das Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe definiert Ritual als \u201eOberbegriff f\u00fcr religi\u00f6se Handlungen, die zu bestimmten Gelegenheiten in gleicher Weise vollzogen werden, deren Ablauf durch Tradition oder Vorschrift festgelegt ist, und die aus Gesten, Worten und dem Gebrauch von Gegenst\u00e4nden bestehen m\u00f6gen&#8220;. Der Begriff \u201aRitual\u2019 erfasst dabei sowohl die wirklich stattfindende Handlung, als auch die f\u00fcr sie ma\u00dfgebenden Regeln. Bis heute nicht endg\u00fcltig gekl\u00e4rt ist die etymologische Herkunft des lateinischen Wortes \u201aritus&#8220; oder \u201aritualis\u2019. Eine der beiden M\u00f6glichkeiten, die immer wieder in Betracht gezogen werden, ist die Ableitung vom Sanskrit-Wort \u201arta\u2019, welches \u00fcbersetzt \u201aOrdnung\u2019 oder \u201aGesetzm\u00e4\u00dfigkeit\u2019 bedeutet. Rituelles Handeln w\u00e4re also das Handeln gem\u00e4\u00df einer Ordnung. Diese M\u00f6glichkeit scheint vor allem auch deshalb attraktiv, weil sich hier offensichtliche Ankn\u00fcpfungspunkte zu Mary Douglas\u2019 Theorie ergeben w\u00fcrden: das ordnungsgem\u00e4\u00dfe, rituelle Verhalten strukturiert das Chaos der Welt und verwandelt Unordnung in Ordnung. Das Ritual w\u00e4re also eine dynamische Erweiterung des Douglasschen Schemas. Eine andere M\u00f6glichkeit ist jedoch, dass sich \u201aritualis\u2019 vom indogermanischen Wort \u201ari\u2019 ableitet, welches in etwa die Bedeutung \u201aflie\u00dfen\u2019 gehabt haben d\u00fcrfte und damit auf einen Verlauf, eine Handlungsabfolge hinweisen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lange wurde das Wort \u201aRitual\u2019 nur in der Sakralsprache gebraucht, so zum Beispiel in der lateinischen Kirchensprache, wenn es um den christlichen Gottesdienst ging. Erst der Psychologe Freud und der Zoologe Huxley begannen, den Begriff zu s\u00e4kularisieren, indem sie ihn f\u00fcr Zwangshandlungen neurotischer Patienten bzw. f\u00fcr das angeborene Signalverhalten von Tieren gebrauchten. Diese Erweiterung des Ritualbegriffs hat in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zu wachsendem Interesse der Religionswissenschaft und besonders der Religionsethnologie an dieser Kategorie gef\u00fchrt. Mit der S\u00e4kularisierung war jedoch auch der Weg geebnet zu einem oft schon inflation\u00e4ren Gebrauch des Wortes in der Umgangssprache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Analyse des Jom Kippur-Rituals ist ein weiterer Punkt von gro\u00dfer Bedeutung: die Verbindung zwischen Ritualen und Mythen. Hock unterscheidet in seiner \u201eEinf\u00fchrung in die Religionswissenschaft&#8220; zwischen diesen beiden Kategorien, weil die Mythen auf der verbalen, die Riten aber auf der praktischen Ebene angesiedelt sind. Dies bedeutet jedoch keine strikte Trennung zwischen den beiden. Ganz im Gegenteil: Mythos und Ritual verweisen, dass wird in der Analyse des Jom Kippur deutlich werden, aufeinander. In ihrer Bezugnahme aufeinander lassen sich vier Grundtypen unterscheiden: die Dramatisierung des Mythos durch das Ritual, die Rezitation des Mythos im Rahmen des Ritualvollzugs, die Auslegung eines Rituals durch einen Mythos und die Begr\u00fcndung des Vollzugs eines Rituals durch einen Mythos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kennzeichnend f\u00fcr Rituale ist vor allem ihre Stereotypie. Diese manifestiert sich unter anderem im h\u00e4ufigen Wiederholen gleich bleibender sprachlicher \u00c4u\u00dferungen und Gesten. Die im Ritual gesprochene Sprache ist keine spontane, sondern eine von festen Redewendungen gepr\u00e4gte. Auf Grund dieser Formalisierung k\u00f6nnen Handlungen und \u00c4u\u00dferungen im Ritual nur bedingt als spontane Gef\u00fchle interpretiert werden. Viel eher sind sie \u201egeb\u00e4ndigtes Gef\u00fchl&#8220;, in dem die \u201arichtige\u2019 Einstellung zum Gegenstand des Rituals musterhaft gezeigt wird. Auff\u00e4lliges Charakteristikum vieler Riten ist au\u00dferdem die aufwendige Ausgestaltung jedes einzelnen Elements. Jede Handlung, jede \u00c4u\u00dferung kann in dramatischer Weise gestaltet werden und die lange Dauer, sowie die beeindruckende Pracht des Gesamtrituals steigern in den Augen der Teilnehmer oft dessen Bedeutung. An Hand des Teilnehmerkreises lassen sich auch schon erste, einfache Typisierungen von rituellen Handlungen vornehmen: je nachdem, ob ein Ritus im prim\u00e4ren \u2013 engen \u2013 oder im sekund\u00e4ren \u2013 weiteren- sozialen Radius der Teilnehmer stattfindet, ob es sich also eher um private oder \u00f6ffentliche Rituale handelt, variiert meist auch die Zielsetzung der rituellen Handlung. W\u00e4hrend \u00f6ffentliche Gro\u00dfkulte meist auf das Wohl der gesamten Gemeinschaft, z.B. eines Staates, abzielen, stehen bei Kulten im privaten Kreis h\u00e4ufig individuelle W\u00fcnsche wie Gesundheit, Fruchtbarkeit oder Schutz in bestimmten Situationen im Vordergrund. Die verschiedenen Zielsetzungen, die ein Ritual haben kann, hat Wallace versucht zu systematisieren, indem er alle rituellen Handlungen nach ihrem intendierten Ziel f\u00fcnf verschiedenen Klassen zuordnete. Er unterschied zwischen technologischen Ritualen, die der Umweltbeherrschung dienen, therapeutischen, bzw. antitherapeutischen Ritualen, die die Gesundheit eines anderen verbessern oder verschlechtern sollen, sozialen Ritualen, die Empfindungen und Werte einer Gesellschaft pr\u00e4gen, sowie Erl\u00f6sungsrituale und Revitalisierungen, die das gesamte Sozialsystem wieder ins Gleichgewicht bringen sollen. Wallace war es auch, der versuchte, die kleinsten Grundbestandteile ritueller Handlungen aufzulisten, aus denen sich alle Rituale in unterschiedlichen Kombinationen zusammensetzten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine andere Typologisierung von Ritualen hat der Ethnologe Josef Franz Thiel vorzunehmen versucht, indem er vier Grundtypen ritueller Handlungen unterschied. Auch er orientierte sich bei seinem Schema an der Frage \u201aWelches Ziel soll mit einem bestimmten Ritual erreicht werden?\u2019. Das Ergebnis seiner Arbeit unterscheidet sich jedoch in augenf\u00e4lliger Weise von dem Wallace: die vier Grundtypen Thiels sind wesentlich abstrakter und deshalb universaler gehalten, als die von Wallace. Die erste seiner vier Gruppen bilden die Apotrop\u00e4ischen Riten, deren Name sich von dem griechischen Wort apostr\u00e9pein (\u201eabwenden&#8220;) ableitet und die dazu dienen sollen, drohendes Unheil vom Einzelnen oder von einer sozialen Gruppe abzuwenden. Im Gegensatz dazu besteht die Aufgabe der Eliminationsriten darin, bereits in die Gemeinschaft eingedrungene Bedrohungen zu vernichten oder \u201ezumindest zu bannen und aus der Gemeinschaft zu entfernen&#8220;. Purifikationsriten sollen Menschen oder Dingen in einen Status der kultischen Reinheit versetzten und es ihnen damit erm\u00f6glichen, bestimmte Dinge zu empfinden oder Handlungen auszuf\u00fchren. Die gr\u00f6\u00dfte und best erforschteste Gruppe von Ritualen ist aber wahrscheinlich die der \u00dcbergangsriten. Allein durch die vielen Anl\u00e4sse, zu denen diese stattfinden k\u00f6nnen, ist dieser vierte Grundtyp nach Thiel enorm heterogen und umfangreich. \u00dcbergangsriten k\u00f6nnen zum Wechsel der Jahrszeiten ebenso stattfinden, wie zum r\u00e4umlichen Wechsel. Sie begleiten das menschliche Leben und teilen es in Abschnitte ein, indem sie zwischen bestimmte Alters-, Berufs- und Standesgrenzen eine Phase des \u00dcbergangs einf\u00fcgen. Dass gerade dieser Ritentypus in der Forschung viel Aufmerksamkeit erfahren hat, ist vor allem Arnold van Gennep zu verdanken, der sich in seinem gleichnamigen Hauptwerk mit den rites de passage besch\u00e4ftigte. Van Gennep begriff die st\u00e4ndigen Wechsel, die jedes Mitglied einer Gemeinschaft auf den unterschiedlichsten Ebenen durchl\u00e4uft, von Ortswechseln bis hin zu Ver\u00e4nderungen in der Berufsgruppenzugeh\u00f6rigkeit, als eine Gefahr f\u00fcr die Ordnung des Soziallebens. Aus diesem Grund werden diese Ver\u00e4nderungen von bestimmten Riten begleitet, deren Aufgabe es ist, St\u00f6rungen durch eine Steuerung und Kanalisierung dieser Prozesse abzuschw\u00e4chen. Ihre Funktion ist also \u201edie Kontrolle der Dynamik des sozialen Lebens.&#8220; Diese Funktion erf\u00fcllen sie durch ihre Dreiphasenstruktur: die Trennungsphase soll vom alten Zustand oder Ort l\u00f6sen, die Schwellenphase ist gleichsam ein Schwebezustand zwischen den Welten und in der Angliederungsphase findet die Vereinigung mit dem Neuen oder die Wiedervereinigung mit dem Alten statt. Bei genauer Analyse sei es sogar m\u00f6glich, so van Gennep, die \u00dcbergangsriten in Trennungsriten (rites de s\u00e9paration), Umwandlungsriten (rites de marge) und Angliederungsriten (rites d\u2019 agr\u00e9gation) zu gliedern. Sie alle k\u00f6nnen von komplexen rituellen Handlungen begleitet werden. In der Phase der Trennung steht oft der symbolische Tod der alten Existenz, der Untergang des alten Status im Mittelpunkt. Die h\u00e4ufig chaotische rituelle Dramatisierung der Verwandlungsphase findet dann anschlie\u00dfend in der Angliederungsphase zu einer Ordnung zur\u00fcck. Dazu werden Praktiken vollzogen, die drauf zielen, die Gemeinschaft als Ganzes wieder neu zu begr\u00fcnden. F\u00fcr denjenigen jedoch, der an einem solchen Ritual teilnimmt, bilden die einzelnen \u2013 auf wissenschaftlicher Ebene erkennbaren \u2013 Phasen eine Einheit. Die Kraft des \u00dcbergangsritus beruht gerade auf dem Zusammenspiel aller Elemente.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die franz\u00f6sischen Kollegen van Genneps, unter ihnen auch Marcel Mauss, ein Neffe Durkheims, untersch\u00e4tzten die Bedeutung des Werkes \u201eLes rites des passage&#8220; lange Zeit. Wesentlich positiver wurde van Genneps Hauptwerk von Anfang an in Gro\u00dfbritannien und den USA aufgenommen, wohl auf Grund der dort st\u00e4rker empirisch ausgerichteten Wissenschaftstradition. Dies ist m\u00f6glicherweise einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass die Gedanken aus den \u201eRites de Passage&#8220; lange Zeit vor allem durch die Vermittlung Viktor Turners in die Wissenschaftsdebatte eindrangen und diese anregten. Der aus Schottland stammende Sozialanthropologe hat den Ansatz van Genneps jedoch nicht nur aufgenommen, sondern auch an entscheidenden Stellen weiterentwickelt. Aus der strukturfunktionalistischen Schule kommend, entfernte sich Turner im Laufe seiner Studien vor allem mit den Ndembu immer mehr von deren Ansatz. Die soziale Funktion eines Rituals, die im Strukturfunktionalismus als Dreh- und Angelpunkt der Analyse gedient hatte, verlor zunehmend an Bedeutung f\u00fcr Turners \u00dcberlegungen. Wahrscheinlich waren es auch die pers\u00f6nlichen Erfahrungen, die er bei den Ndembu sammelte, die ihn zu dem Schluss brachten, das Ritual sei wesentlich Offenbarung. Es entsteht aus einer gesellschaftlichen Krise, die ihrerseits aus einem Konflikt zwischen der bestehenden Ordnung und den auseinanderstrebenden W\u00fcnschen der Individuen entstanden ist. Im Ritual bekommen die Mitglieder einer Gesellschaft in \u00fcberschaubarem Rahmen die M\u00f6glichkeit, Machtverh\u00e4ltnisse und Sozialordnung auf den Kopf zu stellen und die Welt f\u00fcr einen Moment neu zu erschaffen. Chaos und Anarchie treten an die Stelle der \u00fcblichen Ordnung. Turner meinte, eine dramen\u00e4hnliche Inszenierung dieser Rituale erkennen zu k\u00f6nnen und nannte solche Vorg\u00e4nge deshalb \u201esocial drama&#8220;. Dadurch, dass die Zerst\u00f6rung der Ordnung ihren festen Platz in der Ordnung selbst bekommt, k\u00f6nnen Aggressionen kanalisiert entladne werden und die Gesellschaft kann sich im Ritual stetig erneuern. Seinen H\u00f6hepunkt findet diese dramatische Inszenierung laut Turner \u2013 und hier greift er auf van Gennep zur\u00fcck &#8211; in der Schwellenphase. Turner nennt sie die \u201aliminale Phase\u2019 und legt dar\u00fcber das \u201eethnologische Vergr\u00f6\u00dferungsglas&#8220; Die Liminalit\u00e4t ist der Moment, in dem die Struktur aufgehoben ist und in der nicht selten eine Umkehrung des \u00fcblichen Verhaltens stattfindet. In dieser Phase findet zum Beispiel bei Initiationsriten die Verwandlung der Teilnehmenden statt: eingeleitet durch Todessymbolik und beendet durch Geburtssymbolik bildet die liminale Phase einen Schwebezustand zwischen den Welten. In diesem Zustand bildet sich unter den Teilnehmenden eine Gemeinschaft der besonderen Art: die \u201acommunitas\u2019. In dieser Gemeinschaft wird die Antistruktur \u2013 der Gegenpol zur normalen Ordnung &#8211; erfahren und damit erneut der Grundstein f\u00fcr gesellschaftliche Stabilit\u00e4t gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu den Ritualtheoretikern, die in j\u00fcngerer Zeit viel versprechende Analyseans\u00e4tze entwickelt haben, geh\u00f6rt neben Cliffort Geertz vor allem auch Mary Douglas. Wie oben bereits deutlich wurde, ist ihr Ansatz vor allem f\u00fcr die Betrachtung des biblischen Jom Kippur-Rituals interessant und deshalb soll auch ihre Theorie hier kurz vorgestellt werden. Douglas verkn\u00fcpft in ihrem Gedankengang den Begriff des Rituals eng mit dem der Ordnung, bzw. Reinheit. Bestimmte rituelle Handlungen \u2013 und dazu z\u00e4hlen hier auch Ge- und Verbote, die im Zusammenhang mit diesen stehen \u2013 m\u00f6gen irrational, veraltet oder gar diskriminierend erscheinen. Mary Douglas ist jedoch davon \u00fcberzeugt, dass sie nur deshalb so wirken, weil das Ordnungsschema, an dem sie sich orientieren, heute nicht mehr bekannt und relevant ist. Rituale und rituelle Vorschriften dienen dazu, Ordnung herzustellen oder zu erhalten. Ordnung entsteht dadurch, dass alles an dem ihm angemessenen Ort in der angemessenen Menge ist. Ist dieser Zustand gest\u00f6rt, ist es Aufgabe des Rituals diesen Missstand zu beheben und die \u201anat\u00fcrliche\u2019 Ordnung der Dinge wieder herzustellen. Mary Douglas hat dies mit engem Bezug auf den Begriff der Reinheit erarbeitet: Dinge, die nicht an dem f\u00fcr sie angemessenen Ort sind, sind unrein. Was das nun konkret f\u00fcr Dinge sind, h\u00e4ngt von dem zugrunde liegenden Ordnungsschema ab, welches von Kultur zu Kultur variieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier soll der Schwerpunkt jedoch nicht so sehr auf dem Gedanken der Reinheit liegen, sondern auf den Handlungen, mit denen sie herbeigef\u00fchrt wird. Wie auch die anderen vorgestellten Ritualtheorien soll im Folgenden auch der Ansatz von Mary Douglas daraufhin untersucht werden, inwieweit sie sich zur Erfassung des Jom Kippur-Rituals eignen. Die Frage wird sein, ob mit ihnen eine umfassende Beschreibung dieses Tages m\u00f6glich ist oder ob manche Komponenten des Vers\u00f6hnungstages durch das Raster der Ritualtheorien fallen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Jom Kippur und der Ritualbegriff<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entsprechend den im vorangehenden Kapitel ge\u00e4u\u00dferten Gedanken, soll in der folgenden Analyse die begriffliche Trennung zwischen Ritual und Ritus insoweit eingehalten werden, als dass &#8211; sowohl bei der Betrachtung von Lev 16 als auch beim heutigen Jom Kippur &#8211; nur der gesamte Tagesablauf als Ritual bezeichnet wird. Alle Einzelhandlungen aus denen sich dieser Ablauf zusammenf\u00fcgt, werden Riten genannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Hinblick auf die Frage nach der Etymologie des Wortes selbst, gibt auch der Blick auf das Vers\u00f6hnungstagritual keinen n\u00e4heren Aufschluss, da sich beide Herleitungsm\u00f6glichkeiten daraus plausibel erkl\u00e4ren lassen. Mit Mary Douglas lie\u00dfe sich, wie bereits oben erw\u00e4hnt, f\u00fcr die Abstammung vom Sanskritwort \u201erta&#8220; argumentieren, der Vers\u00f6hnungstag versetze Mensch, Gemeinschaft und Heiligtum wieder in einen reinen Status, indem er Dinge, die die Ordnung st\u00f6ren, entferne. Die N\u00e4he Gottes im Tempel und auch im Volk Israel bedeutet Leben und deshalb d\u00fcrfen diese \u201eOrte&#8220; nicht mit Elementen in Ber\u00fchrung kommen, die Tod oder Krankheit \u2013 also ein Minus an Leben \u2013 bedeuten. Wenn dies doch geschieht, entstehen Unordnung und Chaos, die durch das Ritual beseitigt werden m\u00fcssen. Doch mit Blick auf die lange Reihe von Riten, die am Vers\u00f6hnungstag im Alten Testament wie auch heute nacheinander durchgef\u00fchrt werden, lie\u00dfe sich ebenso die Abstammung vom indogermanischen \u201eri&#8220; erkl\u00e4ren, denn gerade dieser Handlungsverlauf macht das Spezifikum des Rituals aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein besonders interessanter Punkt auf der begriffs-theoretischen Ebene ist die Verbindung von Ritual und Mythos in der Jom Kippur-Zeremonie. W\u00e4hrend beim Vers\u00f6hnungstagritual in Lev 16 selbst der Mythos keine herausragende Rolle spielt, tritt er in der Zeit nach der Zerst\u00f6rung des Tempels in den Mittelpunkt der Feier. Das alttestamentliche Ritual, das von Aaron vollzogen wird, wandelt sich durch die ver\u00e4nderten \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde und wird selbst zum Mythos. Die Rezitation der Avoda ersetzt den Vollzug derselben. Auch wenn Jom Kippur ein Tag voller Riten blieb, das Herz des Rituals wurde von der praktischen auf die narrative Ebene verschoben. Das Ritual wie es in Lev 16 beschrieben wird, gibt es nicht mehr und kann es ohne Tempel auch nicht mehr geben. An seine Stelle ist ein neues Ritual getreten \u2013 sozusagen ein Meta-Ritual: die Rezitation der Avoda. Die Verbindung zwischen Mythos und Ritual ist deshalb an Jom Kippur besonders eng, weil der Mythos f\u00fcr heutige Juden die Verbindung zum Ursprung des Rituals herstellt und der Vers\u00f6hnungstag ohne ihn seine Mitte und seine Wurzel verlieren w\u00fcrde. Und so l\u00e4sst sich das Verh\u00e4ltnis der beiden Kategorien zueinander auch nicht auf einen Grundtypus der Bezugnahme beschr\u00e4nken: am deutlichsten ist zwar die Bezugnahme durch Rezitation des Mythos im Ritual, aber auch die Dramatisierung des Mythos durch das Ritual l\u00e4sst sich in modernen Jom Kippur-Feiern gut erkennen, denn die Rezitation der Avoda wird von der Gemeinde mit rituellen Handlungen begleitet und untermalt. So zum Beispiel durch das sonst un\u00fcbliche Niederknien vor dem offenen Toraschrank, welches die Gemeinde immer dann wiederholt, wenn im vorgetragenen Text davon berichtet wird, dass sich das Volk Israel zu Boden warf, wenn Aaron aus dem Allerheiligsten kam und den Namen des Ewigen aussprach. So wurde also, auch wenn das eigentliche Ritual nicht mehr vollzogen wird, dessen Nacherz\u00e4hlung ihrerseits mit Riten verkn\u00fcpft, so dass sich die Rezitation selbst zu einem Ritus mit festem Ablauf entwickelt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ver\u00e4nderungen und Entwicklungen lassen sich auch in Bezug auf den Teilnehmerkreis und den Grad der \u00d6ffentlichkeit des Rituals feststellen. In Lev 16 handelt bis auf wenige Ausnahmen alleine der Priester, das Volk ist zwar anwesend, spielt aber keine aktive Rolle. Aaron s\u00fchnt stellvertretend f\u00fcr alle. Daraus l\u00e4sst sich einerseits erkennen, dass es sich in sehr extremer Weise um einen \u00f6ffentlichen Ritus handelt, bei dem zumindest der Idee nach das ganze Volk versammelt ist. Des weitern wird aber auch das Charakteristikum solcher \u00f6ffentlichen Riten sehr deutlich: es geht nicht um bestimmte W\u00fcnsche oder Anliegen des Einzelnen \u2013 es gibt \u00fcberhaupt keinen individuellen Teil in diesem Ritual -, sondern es geht um das Wohl der ganzen Gemeinschaft. Ganz Israel muss rein werden, um in der N\u00e4he Gottes leben zu k\u00f6nnen. In den Kapiteln des Buches Levitikus, die sich mit den Reinigungsvorschriften nach bestimmten Arten der Verunreinigung besch\u00e4ftigen, geht es um den konkreten Einzelfall. Hier, am gro\u00dfen Vers\u00f6hnungstag, geht es um \u00fcberindividuelle Reinigung. Herausragendes Symbol f\u00fcr diese \u00dcberindividualit\u00e4t ist der Priester, der als \u201eKultspezialist&#8220; stellvertretend f\u00fcr alle handelt. Dieser Gedanke der Kollektivit\u00e4t ist auch im heutigen Jom Kippur-Ritual vor allem im S\u00fcndenbekenntnis erhalten. Jeder bekennt sich aller vierundvierzig S\u00fcnden schuldig, auch wenn er selbst manche davon nicht begangen hat. Auch hier geht es um \u00fcberindividuelle Schuld. Das Volk Israel als Ganzes hat sich allen aufgez\u00e4hlten S\u00fcnden schuldig gemacht und deshalb bitten alle um Verzeihung. Und dass es sich bei \u201aallen\u2019 nicht um einen ausgew\u00e4hlten Kreis handelt, zeigt die traditionelle Erlaubnis, an diesem Tag mit allen gemeinsam beten zu d\u00fcrfen. Doch im Allgemeinen l\u00e4sst sich im modernen Ritus eine deutliche Tendenz zur Individualisierung erkennen, wohl auch, weil es nicht mehr den Ort gibt, wo das Volk Israel sich versammelt und nicht mehr den Priester, der es vertreten kann. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen f\u00fcr sein Schicksal tritt mehr in den Vordergrund, individuelle Handlungen wie z.B. Gebete f\u00fcr verstorbene Verwandte, n\u00e4chtliches Verweilen in der Synagoge und nicht zuletzt das Fasten, pr\u00e4gen den Ablauf der Jom-Kippur-Feier. Nicht mehr der Priester als Kultspezialist l\u00e4dt dem S\u00fcndenbock alle Schuld Israels auf und schickt ihn damit in die W\u00fcste. Jeder und jede Einzelne muss sich entscheiden, wie er mit den Fehlern des vergangenen Jahres umgehen m\u00f6chte. Dass das Wohl Israels als heiligem Volk zu Gunsten des Einzelnen mehr in den Hintergrund tritt, ist wohl die Schlussfolgerung, die aus ritualbegrifflicher Sicht aus dieser zunehmenden Privatisierung zu zeihen w\u00e4re. Nichtsdestotrotz blieb Jom Kippur immer ein Fest, das man nicht alleine mit der Familie beging, sondern dessen Zentrum wie bei keinem anderen Fest die Synagoge war und das deshalb immer in einem, wenn auch eingeschr\u00e4nkten, \u00f6ffentlichen Kreis gefeiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Jom Kippur und die Ritualtheorien<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Teilnehmerkreis und der Grad der \u00d6ffentlichkeit eines Rituals ist, wie Wallace deutlich machte, ein starker Indikator f\u00fcr dessen Zielrichtung. Bei dem Versuch, den Jom Kippur in eine der f\u00fcnf Kategorien einzuordnen, die Wallace aus dieser \u00dcberlegung gewann, stellt man jedoch schnell fest, dass sich dieser Ansatz zur Erfassung des Vers\u00f6hnungstages nur bedingt eignet: es handelt sich weder um ein Ritual mit dem Ziel der Umweltbeherrschung, noch soll die Gesundheit von jemandem verbessert oder verschlechtert werden. Auch die Werte und Empfindungen der israelitischen Gesellschaft werden durch das Ritual nicht beeinflusst. Eher schon k\u00f6nnte man den Jom Kippur zu den Erl\u00f6sungsritualen z\u00e4hlen, obwohl auch hier \u2013 vor allem mit Blick auf den biblischen Ritus &#8211; Zweifel angebracht sind, da Erl\u00f6sung ein Handeln Gottes bedeuten w\u00fcrde, es an Jom Kippur aber der Priester ist, der Tempel und Volk reinigt. Der heutige Vers\u00f6hnungstag lie\u00dfe sich dieser Kategorie vielleicht am ehesten zuordnen. Auch Wallace letzte Kategorie, Rituale mit dem Ziel der Revitalisierung, passt nur bedingt, da er diese Wiederbelebung auf das Sozialsystem beschr\u00e4nkt, es am Vers\u00f6hnungstag vor allem in Lev 16 aber vorrangig um das Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Gott geht. Mit dieser Einteilung ist also das Spezifische des Vers\u00f6hnungstages nur sehr schwer zu erfassen, weil sich das Ritual keiner der Kategorien einwandfrei zuordnen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau anders herum verh\u00e4lt es sich mit den vier Kategorien die Thiel \u2013 ebenfalls unter der Leitfrage nach der Zielsetzung- entwickelt hat. Erscheint Wallace\u2019 Einteilung zu sehr auf den Einzelfall abgestimmt und deshalb zu eng gefasst, sind Thiels Grundtypen so allgemein gehalten, dass sich der Jom Kippur jeder von ihnen mehr oder weniger problemlos zuordnen l\u00e4sst. Er erf\u00fcllt die Merkmale der apotrop\u00e4ischen Riten, da Gefahr vom Einzelnen oder von der Gemeinschaft abgehalten werden soll, die mit dem Leben in der N\u00e4he Gottes verbunden ist. Der an Jom Kippur traditionell ge\u00e4u\u00dferte Wunsch \u201eM\u00f6gest du f\u00fcr ein gutes Jahr eingeschrieben werden&#8220; zeigt, dass dieses Motiv auch heute noch eine gro\u00dfe Rolle spielt und es auch weiterhin darum geht, schon im Voraus m\u00f6gliches Unheil im kommenden Jahr abzuwehren. Die Vertreibung des schuldbeladenen S\u00fcndenbocks in Lev 16 macht aber auch deutlich, dass sich der Vers\u00f6hnungstag ebenso zu den Eliminationsriten z\u00e4hlen lie\u00dfe, die bereits bestehende Bedrohungen vernichten sollen. Dadurch, dass dieser Ritus heute nicht mehr praktizierbar ist und nur noch zitiert wird, ist der Gedanke der Elimination heute nicht mehr so zentral wie es in Zeiten des Tempels wohl der Fall war. Die Purifikationsriten geh\u00f6ren heute wie damals zum Zentrum des Vers\u00f6hnungstags. Zwar fallen die Riten tats\u00e4chlicher k\u00f6rperlicher Reinigung, die im Tempelritual vom Priester noch vollzogen wurden heute weg, doch die Zielsetzung der \u201aseelischen Reinigung\u2019 ist dieselbe geblieben. Schuld und Unreinheit, die laut Gorman aus einer Verwirrung der Kategorien herr\u00fchrt, werden durch das Blut der Opfertier, bzw. durch Fasten und Gebet \u201aabgewaschen\u2019, so dass der Mensch wieder frei ist, um in den Kontakt mit Gott zu treten. Zeichen f\u00fcr diese innere Reinigung ist heute vor allem auch die zehnt\u00e4gige Bu\u00dfzeit vor Beginn des Jom Kippur, die aber auch schon erahnen l\u00e4sst, dass sich der Begriff von \u201aUnreinheit\u2019 im Laufe der Zeit gewandelt hat, wovon sp\u00e4ter noch n\u00e4her die Rede sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie schwierig die Zuordnung ist, l\u00e4sst sich beispielhaft an einem einzelnen Element nachvollziehen: dem Kol Nidre. Wird es in aram\u00e4ischer Sprache gebetet, bezieht es sich auf die Versprechen des kommenden Jahres und w\u00e4re somit zu den apotrop\u00e4ischen Riten zu z\u00e4hlen. In hebr\u00e4ischer Sprache allerdings geht es um die Versprechungen des vergangenen Jahres. Sind diese Versprechen im vergangen Jahr gebrochen worden, ist das Unheil also schon eingetreten und soll nun durch einen Purifikationsritus beseitigt werden. Zu der Komplexit\u00e4t des Ritus tritt hier also zus\u00e4tzlich noch das Moment regionaler Unterschiede in der Ausf\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor allem Benedikt J\u00fcrgens sieht den alttestamentlichen Jom Kippur aber auch als ein gro\u00dfes \u00dcbergangsritual. Als Belege f\u00fcr diese These f\u00fchrt er die von Aaron vorzunehmenden Waschungen und Kleiderwechsel zu Beginn und am Schluss des Rituals an, die er mit van Gennep als rite de s\u00e9paration, bzw. als rite d\u2019agr\u00e9gation interpretiert. Zwischen diesen beiden \u00dcbergangsstadien liegt eine Grenz\u00fcberschreitung in den Bereich JHWHs, das Allerheiligste hinein, die Aaron nur auf Grund der vorherigen Trennung von seinem alten Status vollziehen kann. Es f\u00e4llt jedoch auf, dass sich der Vers\u00f6hnungstag als rite de passage keinem der von Thiel genannten Beispiele wie Ortswechsel, Statusver\u00e4nderung oder Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt zuordnen l\u00e4sst, da es sich nicht um eine dauerhafte Ver\u00e4nderung handelt. Der Vers\u00f6hnungstag frischt einen alten Zustand, den der Reinheit und Heiligkeit des Volkes Israels, wieder auf. Da dieser Zustand aber nicht dauerhaft gewahrt werden kann, bedarf es einer j\u00e4hrlichen Wiederholung. Man kann J\u00fcrgens also insofern zustimmen, dass innerhalb des Jom Kippur-Rituals ein \u00dcbergangsritus stattfindet. Dieser betrifft allerdings nur den Priester und ist auch nicht das eigentliche Ziel des Rituals, sondern nur der notwendige Weg zur angestrebten Reinigung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dementsprechend spielt sich auch kein \u201esoziales Drama&#8220; im Sinne Viktor Turners ab, denn die Grenz\u00fcberschreitung bezieht sich nicht auf gesellschaftliche Grenzen, sondern auf den \u00dcbertritt in die \u201eSph\u00e4re des Heiligen&#8220;. Die Ordnung wird nur insofern aufgehoben, als dass Aaron kurzzeitig einen Bereich betritt, in den er eigentlich nicht hinein geh\u00f6rt. Die gesellschaftliche Ordnung, die Turner beim sozialen Drama im Blick hatte, bleibt unangetastet, das Ritual dient nicht zur Entladung sozialer Spannungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch im modernen Jom Kippur-Ritual finden sich noch Spuren eines solchen \u00dcbergangsrituals, eines rite d\u2019entr\u00e9e, wie Benedikt J\u00fcrgens es versteht. Entsprechend der Tendenz zur Individualisierung und Selbstverantwortung sind es heute nicht mehr nur die \u201aKultspezialisten\u2019, die diesen vollziehen, sondern die ganze Gemeinde: alle Gl\u00e4ubigen kommen an diesem Tag vollkommen in wei\u00df gekleidet zur Synagoge und verzichten auf Nahrung, Getr\u00e4nke und sonstigen k\u00f6rperlichen Luxus. Gerade das Fasten bedeutet einen besonders starken Bruch mit der Alltagswelt. Ob das Verzichten eher eine Erh\u00f6hnung des Menschen und eine Konzentration auf seine g\u00f6ttliche Seite darstellt, wie de Vries meint oder den Menschen an seine Unbedeutsamkeit und seine unbedingte Abh\u00e4ngigkeit von Gott erinnern soll, muss hier dahingestellt bleiben. Auch durch die Kleiderwahl tritt man aus dem Alltag heraus und hinein in eine Zeit, in der es nur um die Beziehung zu Gott gehen soll. Die symboltr\u00e4chtige Farbe wei\u00df l\u00e4sst dabei viele Interpretationen zu: wei\u00dfe Gew\u00e4nder als bewusste Ankn\u00fcpfung an die Leinenkleidung Aarons am Vers\u00f6hnungstag, als Ausdruck der Hoffung auf Vergebung Gottes und eine neue Unschuld, aber auch als Selbsterniedrigung durch v\u00f6lligen Verzicht auf Luxus. Dass Kantor und Rabbiner zu dieser Gelegenheit oft schon ihre Totenkleidung tragen, zeigt aber, dass auch noch ein anderer Deutungsansatz mit in den Blick genommen werden muss: wei\u00dfe Bekleidung als ein \u201amemento mori\u2019, als ein Gedenken sowohl des eigenen Todes, als auch des Todes von Verwandten und Freunden. Durch eine solche Interpretation w\u00fcrden auch andere Elemente des Jom Kippur, wie das Kerzenanz\u00fcnden f\u00fcr Verstorbene oder das Gebet f\u00fcr die toten Eltern, in einen gr\u00f6\u00dferen Deutungszusammenhang mit einbezogen. Die wei\u00dfe Kleidung aber verl\u00f6re dann ihren Charakter als \u00dcbergangsritual und w\u00fcrde alleine als Gedenk- und Mahnzeichen fungieren. Ritualtheoretisch schl\u00fcssiger ist deshalb eine andere Interpretation: die Totenkleidung als Zeichen f\u00fcr den symbolischen Tod des Initianten im \u00dcbergangsritual. Laut Viktor Turner erleben die Neophyten zwischen Trennungs- und Angliederungsritual oft eine Phase, in der sie f\u00fcr die anderen Mitglieder der Gemeinschaft tot sind, um dann in einem neuen Status regelrecht neu geboren werden zu k\u00f6nnen. Rabbiner und Kantor treten nach den 10 Tagen der Vorbereitung und Bu\u00dfe aus der Welt heraus, um am Abend des Jom Kippur befreit von ihrer Schuld und voller Hoffnung auf ein gutes neues Jahr \u201awiedergeboren\u2019 zu werden. Sicherlich ist es hier nicht berechtigt, nach der einzigen Erkl\u00e4rung zu suchen. Die Antwort wird viel mehr in einer Melange aus unterschiedlichen Motivationen liegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inwieweit Mary Douglas\u2019 Ansatz den alttestamentlichen Vers\u00f6hnungstag zu erfassen vermag, ist bereits mehrfach angesprochen worden. In welchem Ma\u00dfe er sich zur Erkl\u00e4rung des modernen Jom Kippur eignet, h\u00e4ngt zum gro\u00dfen Teil davon ab, ob man die zu b\u00fc\u00dfende Schuld wie im Alten Testament noch immer in einer Verwirrung der Kategorien sieht. Das S\u00fcndenbekenntnis scheint eher in eine andere Richtung zu deuten, denn was dort gebeichtet wird, sind gr\u00f6\u00dften Teils keine rituellen Verst\u00f6\u00dfe gegen Reinheitsgebote oder Verunreinigungen eines heiligen Bereiches. Es sind vor allem Fehler, die im zwischenmenschlichen Bereich begangen werden, wie Gewalt, Betrug und Spott. Dieselbe Deutung legt auch \u2013 wie oben schon erw\u00e4hnt &#8211; das Ritual der zehnt\u00e4gigen Bu\u00dfzeit nahe, in denen die Auss\u00f6hnung mit den Mitmenschen im Zentrum steht. Geht man auf Grund dieser Beobachtungen von einem Wandel im S\u00fcndenbegriff hin zu sozialen Verfehlungen aus, erscheint die Theorie von Douglas f\u00fcr den Jom Kippur heute nur noch von geringer Aussagekraft zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz zum Schluss sei hier noch der Ansatz von Catherine Bell erw\u00e4hnt, den auch J\u00fcrgens f\u00fcr seine \u00dcberlegungen heranzieht. Sie unterscheidet in ihrem Hauptwerk \u201eRitual&#8220; zwischen sechs Typen von Ritualen: rites of passage, calendrical rites, rites of exchange and communion, rites of affliction, feasting fasting and festivals and political rites. Laut J\u00fcrgens lie\u00dfe sich Jom Kippur sowohl bei den kalendarischen Riten einordnen, weil er sich j\u00e4hrlich wiederholt, als auch bei den \u2018rites of affliction\u2019, weil nach dem Tod der beiden S\u00f6hne Aarons im Tempel eine Reinigung des Heiligtums notwendig wurde. Da sich Jom Kippur dar\u00fcber hinaus auch den Fasten-Ritualen zuordnen lie\u00dfe, zeigt sich auch hier, dass es bisher nicht m\u00f6glich scheint, den Vers\u00f6hnungstag klar einem Ritualtyp zuzuordnen. Vielmehr erfassen die verschiedenen Theorien jeweils Teilst\u00fccke des Ganzen. Doch manche zentrale Kategorien des Rituals, wie die Selbsterniedrigung durch Bu\u00dfe und Fasten oder das Totengedenken, lassen sich nur mit M\u00fche in die Theorien einpassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Grund f\u00fcr die Probleme bei der genauen ritualtheoretischen Zuordnung des Jom Kippur liegt in seinem gro\u00dfen Umfang und der Vielfalt seiner Elemente. Sowohl in Lev 16 wie auch heute setzt sich der Vers\u00f6hnungstag aus einer Vielzahl kleinerer Riten zusammen, die alle zusammengenommen in ihrem festgelegten Ablauf das Charakteristikum dieses Tages ausmachen. Einzeln betrachtet lassen sich diese Riten meist ohne Probleme einer Kategorie innerhalb der verschiedenen Theorien zuordnen. Doch weil sie untereinander so verschieden sind, v\u00f6llig unterschiedliche Ziele verfolgen, ist es bei dem derzeitigen Stand der Ritualtheorien nicht m\u00f6glich, sie widerspruchsfrei in einer Theorie zusammenzufassen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schlussbetrachtung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn es das erkl\u00e4rte Ziel der Ritualtheoretiker war und ist, Grundmuster aufzuzeigen, die sich in den Ritualen unterschiedlicher Kulturen wiederfinden und diese so vergleichbar werden lassen, haben sie dies mit Blick auf den gro\u00dfen Vers\u00f6hnungstag nicht hundertprozentig erreicht. Theorien wie die von Viktor Turner und Mary Douglas, die sich aus der Beobachtung der Praxis eines bestimmten Rituals ableiteten, lassen sich nur schwer eins zu eins auf andere Rituale \u00fcbertragen. Und auch die Parameter, die die anderen Theorien geliefert haben, erm\u00f6glichen keine direkte Parallelisierung mit Feiertagen in anderen Religionen und Kulturen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines aber haben die Ritualtheorien bei der Analyse des Jom Kippur auf jeden Fall geleistet: sie haben den Blick f\u00fcr seinen Facettenreichtum und seine historische Wandelbarkeit ge\u00f6ffnet. Dadurch, dass keine Theorie allein sich als f\u00e4hig erwiesen hat, den Vers\u00f6hnungstag als Ganzes schl\u00fcssig zu erfassen, haben sie alle zusammen deutlich gemacht, wie unterschiedlich die Bestandteile, die Riten sind, aus denen sich das gro\u00dfe Ritual zusammensetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Analyseergebnis wirft nat\u00fcrlich die Frage auf, ob es \u00fcberhaupt Sinn macht, den Jom Kippur als ein gro\u00dfes Ritual zu betrachten, oder ob es angesichts seiner Heterogenit\u00e4t nicht kl\u00fcger w\u00e4re, die einzelnen Elemente f\u00fcr sich als abgeschlossenes Ritual anzusehen. Dass dies hier nicht gemacht wurde, liegt vor allem daran, dass der Vers\u00f6hnungstag in der Empfindung der Gl\u00e4ubigen eine gro\u00dfe Einheit ist, so zerst\u00fcckelt er ritualtheoretisch auch wirken mag. Und das zeigt, dass der ritualtheoretische Blick wohl doch nicht genau erkl\u00e4ren kann, was das besondere an diesem Feiertag ist, weil er sich zu sehr in den Einzelheiten verliert oder zu krampfhaft versucht, alles unter einen Hut zu bringen. Die Einheit des Vers\u00f6hnungstages bei gleichzeitiger Betonung jedes Ritus\u2019 ergibt sich nicht aus der Theorie, sondern aus der Praxis. Der gelebte Glaube der Menschen, gibt dem Tag seinen Sinn und seine Bedeutung. Und das hat wohl auch Franz Rosenzweig gesp\u00fcrt, als er an Jom Kippur die kleine Synagoge in Berlin betrat.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Catherine Bell: Ritual. Perspectives and Dimensions, New York\/ Oxford 1997.<\/li><li>Benedikt J\u00fcrgens: Heiligkeit und Vers\u00f6hnung. Levitikus 16 in seinem literarischen Kontext, Freiburg im Breisgau (u.a.) 2001.<\/li><li>Bernhard Lang: Ritual\/ Ritus, in: Hubert Cancik: Handbuch religions-wissenschaftlicher Grundbegriffe, Stuttgart (u.a.), Bd. 4, S. 442-458.<\/li><li>Susanne Galley: Das j\u00fcdische Jahr. Feste, Gedenk- und Feiertage, M\u00fcnchen 2003.<\/li><li>Erich Zenger: Das Buch Levitikus, in: Erich Zenger: Stuttgarter Altes Testament. Einheits\u00fcbersetzung mit Kommentar und Lexikon, Stuttgart 2005, S. 160-212.<\/li><li>S. David Sperling: Day of Atonement, in: Fred Skolnik:&nbsp;&nbsp; Encyclopaedia Judaica. Second Edition, Detroit (u.a.) 2007, Bd. 5, S. 488-493.<\/li><li>Simon Ph. De Vries: J\u00fcdische Riten und Symbole, Wiesbaden 2005.<\/li><li>Klaus Hock: Einf\u00fchrung in die Religionswissenschaft, Darmstadt 2002.<\/li><li>Axel Michaels: Klassiker der Religionswissenschaft. Von Friedrich Schleiermacher bis Mircea Eliade, M\u00fcnchen 2002.<\/li><li>Mary Douglas: Reinheit und Gef\u00e4hrdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu, Berlin 1985.<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>vonMaren Plahuta Westf\u00e4lische Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnsterKatholisch-Theologische Fakult\u00e4tAbteilung f\u00fcr Feministische TheologieSS 2007 Hauptseminar: Rein und unrein. 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